Donnerstag, 22. September 2005

Mit gutem Bleistift voran

Liebe Bildungshungrige!

Mittels einer dringlichen Anfrage erzwangen diese fiesen Grünen am Mittwoch Nachmittag eine Sondersitzung des Parlaments, in der sie unsere allseits geliebte Strickliesl als inkompetente, verwirrte Oma hinstellten, die von Bildungspolitik keine Ahnung habe. Dabei sind die Grünen nur eifersüchtig, weil ihnen die ÖVP als Integrationspartei den Rang abläuft. Okay, die Ökos haben mit Theresia Haidlmayr eine Rollstuhlfahrerin im Rennen, aber die hat ja alle Tassen im Schrank. Den Schwarzen hingegen gelang mit Gehrer in puncto Integration ein Meisterstück. Das Bildungsressort ist in Österreich traditionell ein Parkplatz für jene Parteidiener, die man gerade nicht vernünftig irgendwo anders unterbringen kann. Deshalb erwartet sich der Österreicher auch nicht viel von seinen fachfremden Bildungsministern. Aber mit Elisabeth Gehrer hat die ÖVP bewiesen, dass der American Dream nirgendwo so wahr werden kann, wie in der Alpenrepublik. Aus den Bereichen Musik und Sport wissen wir ja schon, dass jeder Sepp zum Superstar werden kann. Jetzt hat sich eben die Politik als Betätigungsfeld für die Unberechenbaren noch dazugesellt. Wir wollen aber nicht unfair sein und lieber Fakten für sich sprechen lassen.
Elisabeth Gehrer wurde am 11. Mai 1942 geboren und ist somit 63 Jahre alt. Während andere in ihrem Alter in Hochsicherheitsaltersheimen vor der Glotze hängen und Barbara Karlich schauen, ist sie noch immer mit der Löwingerbühne auf Tour und bringt das Publikum mit ihren selbstgeschriebenen Schwänken jeden Tag zum Weinen und zum Lachen. Die kleine Lisi besuchte von 1948-1952 die Volksschule in Wien und Innsbruck und verbrachte ganze vier Jahre im Gymnasium von 1952 bis 1956. Dann wechselte sie in die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck, wo sie von 1956 bis 1961 blieb. Während man heutzutage die Kindergärtnerinnenausbildung mit der Matura kombinieren kann, konnte das die Lisi in den späten 50ern noch mit der Volksschullehrerausbildung machen. Das dauerte fünf Jahre, aber dafür wurde man mit 19 schon auf die lieben Kleinen losgelassen. Das tat sie auch von 1961 bis 1966. Danach war sie 14 Jahre lang Hausfrau und Mutter (1966–1980), um mit 38 ihre Karriere als Politikerin zu starten. Seit 1980 hat sie sich in den Reihen der ÖVP von der Stadträtin zur Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur hochgedient. Eine furchtbare Schmach für die Grünen, die nur Leute ins Parlament lassen, die von ihrem Fach etwas verstehen, und die spießbürgerlichen Durchschnittsösterreicher knallhart diskrimieren. Nicht so bei den Schwarzen und Orangen: Dort bekommt offensichtlich jeder eine Chance.
Ich habe mir die Mühe gemacht und alle Kurzbiografien unserer Regierungsmannschaft gelesen, weil ich wissen wollte, was die wichtigsten Politiker unseres Landes im Zivilberuf waren. Es ist schon erstaunlich, was man da so findet. Wahrscheinlich wird es nicht verwundern, aber es gibt keine Geisteswissenschaftler unter unseren Topleuten. Keiner, der sich im Rahmen seiner Ausbildung mit Sprachen, Philosophie, Geschichte oder Kulturkunde auseinandergesetzt hätte. Auch keine Gesellschaftswissenschaftler: keine Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler oder Journalisten. Aber wer braucht das schon. Es gibt ja immerhin ein Drittel Juristen (Schüssel, Plassnik, Gastinger, Finz, Mainoni, Winkler) unter den 19 Regierungsmitgliedern und ein Viertel Lehrer. Gehrer ist nicht die einzige: da gibt es noch die Kochlehrerin Ursula Haubner, die HS-Lehrerin Rauch-Kallat, die Sportlehrer Prokop und Schweitzer. Danach folgen als drittstärkste Gruppe die Maturanten: Gorbach hat die HAK abgeschlossen, Platter die Gendarmerieschule und Morak die Schauspielakademie. Keine Ahnung welche Zettel man dafür bekommt. Dann ein paar Einzelkämpfer: zwei Wirtschaftsmagister (Grasser und Kukacka), ein Chemiker (Bartenstein), ein Agrarexperte (Pröll) und ein Werkzeugmacher (Dolinschek).
Den werten Lesern mag sich der Verdacht aufdrängen, dass der Autor dieser Zeilen die Geisteswissenschaften für entscheidender hält als Rechts-, Wirtschafts- oder Naturwissenschaften. Das mag daran liegen, dass er das tut. Während bei uns Anomalien, Grauzonen und Widersprüche die akademische Arbeit bereichern, werden sie im anderen Lager als lästige Störungen im perfekten System gesehen, die möglichst schnell ausgemerzt gehören. Während wir ganz gut mit dem Chaos leben können, wird dort die Ordnung als goldenes Kalb verehrt. Es tut mir wahnsinnig leid, aber ich kann keiner Regierung zu 100% trauen, in der Leute von meiner Sorte gar nicht vertreten sind. Der Papst ist wenigstens Theologe und musste sich in seiner Studienzeit mit Sprachen, Philosophie, Geistesgeschichte und Kulturkunde beschäftigen. Unsere Politiker hingegen kommen offensichtlich ganz gut ohne aus. Alles Technik und Zahlen. Wir Geisteswissenschaftler werden immer als soft scientists verhöhnt, weil sich nicht alles in mathematischer Perfektion auflösen lässt. Da kann ich nur entgegenhalten: Was muss man für ein Kleingeist sein, wenn man sich an der Empirie wie am letzten Strohhalm festklammert.

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