Sonntag, 12. Juni 2005

Zug

Liebe Reisende!

Zugabteile sind magische Orte. Das liegt hauptsächlich daran, dass man in Bezug auf Zeit, Ort und Gesellschaft in eine andere Welt eintritt.
Zugzeit ist in erster Linie Frei-Zeit. Viele machen den Fehler und halten sie für Unzeit, die man irgendwie überbrücken oder totschlagen muss. Für Anfänger und Unbelehrbare handelt es sich natürlich um unbekannte und unverplante Zeit, die man zu füllen nicht gewohnt ist. Manche stellt sie auf eine harte Probe. Fahrig laufen die Finger dahin, flirren beinahe in ihrer steten Ruhelosigkeit: Handy, Haare, Hose, Handtasche - wie zappelige Kinder, die man zum Stillsitzen ermahnt hat und doch ständig herumgeistern. Zugzeit ist starr - geradezu sperrig - und entspricht so gar nicht dem Ideal des flexiblen, ungezwungenen Kommens und Gehens, das für unsere Zeit so typisch ist.
Das Abteil ist ein nicht lokalisierbarer Ort. Geschah etwas Außergewöhnliches im Zug, müssen wir uns mit Umschreibungen helfen: "auf der Fahrt von X nach Y", "kurz vor Z", "irgendwo zwischen A und B". Das Besondere ist aber der private Charakter dieses öffentlichen Ortes. Lauter kleine Wohnzimmer, in denen man es sich gemütlich macht. Wo wagen wir es denn sonst noch, öffentlich zu schlafen? Unter Umständen auf der Liegewiese im Freibad oder im Park. Während uns dort ein paar Meter Sicherheitsabstand beruhigen, sitzt im Zugabteil ein Fremder direkt daneben. Trotzdem fühlen wir uns sicher und gut aufgehoben. Anders würden wir es nie zulassen einfach so einzunicken.
Viele bleiben bis zum Aussteigen Fremde. Andere sitzen mit einem im selben Wohnzimmer und nützen die Gelegenheit, in vertrauten Verhältnissen das Fremde anzunehmen. Menschen, auf die man im Alltag niemals trifft. Jeder trägt eine Geschichte mit sich herum, von der man gerne ein paar Einzelheiten erfährt. Nur so ein kurzer Einblick in eine andere Existenz. Oft kann man sich auch für die eigene etwas mitnehmen.
Zugabteile sind magische Orte.

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3 Comments:

At 13. Juni 2005 um 10:24, Anonymous Anonym said...

Das erinnert mich an das Buch, das du ja schreiben willst, woran ich dich jetzt erinnere und dir eine Frist bis 1. Juli gebe, um eine erste Fassung sofort in mein Büro zu bringen. Übrigens: Auch im Flugzeug schläft man öffentlich. Ich selbst bin ja im 1. Semester (damals, damals) immer mit dem Zug nach Salzburg, jeden Tag, und wieder zurück, jeden Tag, und habe die Zeit immer sehr genossen - manchmal habe ich Nützliches gemacht (Hausarbeiten, Vokabeln lernen), oft Musik gehört, ganz oft geschlafen. War immer sehr gemütlich.

 
At 13. Juni 2005 um 19:13, Anonymous Anonym said...

Ich habe auch schon daran gedacht. Vielleicht sollte ich so ein Segment für das morgige Treffen (Lit from the Kit) schreiben. Da hätte ich wenigstens schon ein paar Ideen parat.

 
At 14. Juni 2005 um 20:40, Anonymous Anonym said...

Zugfahrten per se finde ich sehr entspannend, außer an Sonntagen! Da muss das gesamte Studentenvolk und sämtliche Seniorenstammtische dem akuten Platzmangel in diesen rollenden Wohnzimmern eine neue Bedeutung verleihen. Da ist es dann mit dem Nickerchen Essig, weil man verkeilt zwischen einer älteren, breithüftigen Dame und dem Trolley einer Studentin den Boden unter den Füßen nicht mehr spürt; die Schiebetüren der einzelnen Abteile wölben sich einem bedrohlich entgegen weil überfüllt, spärlich dringt das Licht von der Decke zu Leuten wie mir, die das 1,70m Gardemaß nicht mal im Traum erreichen. Ein Super-GAU für Klaustrophobiker!!
Dann fällt mir die nette ÖBB-Werbung wieder ein, wo ein Mann (von der Marke "Viel-zu-schön-für-das-wahre-Leben") alleine im Abteil sitzt - pah! - man fährt wieder Bahn.

 

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