Mittwoch, 2. August 2006

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Liebe Landsleute!

Nach der letzten Volkszählung im Jahre 2001 ging mir ein Brief von Bürgermeister Heinz Schaden zu, in dem er Unverständnis darüber äußerte, dass ich Linz als Mittelpunkt meiner Lebensinteressen (Hauptwohnsitz) angegeben hatte und nicht Salzburg, wo ich studierte. Damals dachte ich mir noch, dass der Heinzi - übrigens ein gebürtiger Grazer, der erst zum Studieren nach Salzburg kam - seinem Namen mehr als gerecht wurde. Wie, in the name of all which does not suck, sollte Salzburg der Mittelpunkt meiner Lebensinteressen sein? Nachdem die ganze Stadt nur von Toten lebt, muss man doch erst seine nekrophile Seite entdecken, um hier glücklich zu werden. Also dachte ich mir: Wer den Schaden hat, hat auch den Spott. Ich verfasste also einen ganz bösen Brief, in dem ich unter anderem zu verstehen gab, dass Salzburg halbtot am Tropf der Touristengelder hinge und ich nie im Leben diese Nekropolis und unselige Kulissenstadt als meine Heimat akzeptieren könnte. Denn wie schrieb Thomas Bernhard so schön in DIE URSACHE - EINE ANDEUTUNG?
"Die Stadt ist für den, der sie und ihre Bewohner kennt, ein auf der Oberfläche schöner, aber unter der Oberfläche tatsächlich fürchterlicher Friedhof der Phantasien und Wünsche."
Nun denn: Dieses Jahr nahm ich das hervorragende Bürgerservice im Schloss Mirabell in Anspruch und beendete nach acht Jahren mein Ausländerdasein, indem ich meinen Hauptwohnsitz hier anmeldete. Mit diesem schändlichen Verrat an meiner geliebten Heimat Oberösterreich muss ich nun fortan leben. Worin bestehen eigentlich die wesentlichen Unterschiede zwischen Oberösterreichern und Salzburgern? Wie ist der Salzburger so an sich?
In erster Linie schizophren. Er will seine regionale Eigenständigkeit bewahren, indem er möglichst viele Touristen aus der ganzen Welt herholt. Er will für die Zukunft planen, indem er sich an der Vergangenheit orientiert. Er will modern sein, indem er an den alten Traditionen festhält. Er will in Ruhe gelassen werden und sucht das Rampenlicht der Medienöffentlichkeit. Er will das Tiefgründige, indem er die Oberfläche zelebriert. Er ist ein global denkender Spießbürger, der nur zu gerne die kostspielige Inszenierung mit dem wahren Leben verwechselt.
Bevor ich jetzt noch weiter aushole, möchte ich die Unterschiede an den beiden Landeshymnen festmachen.

Die Oberösterreichische Landeshymne:

HOAMATLAND
Franz Stelzhamer (1802-1874)
Wanderer, Schauspieler und Mundartdichter

1.
Hoamatland, Hoamatland,
di han i so gern,
wiar a Kinderl sein Muader,
a Hünderl sein Herrn.

2.
Duri's Tal bin i g'laffn,
af'n Höcherl bin i glegn,
und dein Sunn hat mi trückat,
wann mi gnetzt hat dein Regn.

3.
Dahoam is dahoam,
wannst net fort muaßt, so bleib,
denn die Hoamat is ehnta
da zweit' Muatterleib.

Diese weinselige und erdige Heimatliebe macht dem Franzi so schnell keiner nach. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie er fernab der vertrauten Wälder und Felder nach dem 15. Gspritztn wehmütig melancholisch in sein Glaserl lallt und voller Nostalgie in Kindheitserinnerungen schwelgt. Das ist oberösterreichisches Lebensgefühl. Hier nun aber die Salzburger Landeshymne:

LAND UNS'RER VÄTER
Anton Pichler (1874-1943)
Priester, Religionslehrer und Heimatdichter

Land uns'rer Väter, lass' jubelnd dich grüßen,
Garten behütet von ew'gem Schnee,
dunkelnden Wäldern träumend zu Füßen
friedliche Dörfer am sonnigen See.
Ob an der Esse die Hämmer sich regen
oder am Pfluge die nervige Hand,
|: Land unsrer Väter, dir jauchzt es entgegen:
Salzburg, o Salzburg, du Heimatland! :|

Wie aus des Ringes goldenem Reifen
funkelt der Demant, der Wunderstein,
grüßt aus der Hügel grünendem Streifen
Salzburg, die Feste im Morgenschein.
Und wenn die Glocken den Reigen beginnen
rings von den Türmen vergangener Zeit,
|: schreitet durch einsamer Straßen-Sinnen
Mozart und seine Unsterblichkeit. :|

Sollten die Länder der Welt wir durchwallen,
keins kann, o Heimat, dir werden gleich.
Mutter und Wiege bist du nur uns allen,
Salzburg, du Kleinod von Österreich.
Scholle der Väter, hör' an, wir geloben,
treu dich zu hüten den Kindern zum Pfand!
|: Du, der in ewigen Höhen da droben,
breite die Hände und schirme dies Land! :|

Was sagt man dazu? Zuerst konnte ich es nicht recht glauben und überprüfte auf der offiziellen Seite der Salzburger Landesregierung ein paar Mal, ob der Text überhaupt so stimmt. Tatsache! Am 24. Mai 1928 (!) beschloss der Salzburger Landtag einstimmig, diesem programmatischen und zukunftsweisenden Wunderwerk die höheren Weihen zu verleihen. Selbst wenn der Toni einem gelegentlichen Schlückchen Messwein nicht abgeneigt war, erklärt das noch lange nicht, wie der ew'ge Schnee den Garten behütet, die nervige Hand sich am Pflug regt, oder Mozart und seine Unsterblichkeit durch einsame Straßen-Sinnen (whatever that is) schreiten kann. Da muss ich eher an Hans Söllner und den MARIHUANABAM denken: "Und wiara zua woa wia a Nosn im Winta ...". Was sind die Eckpfeiler der Salzburger Identität? Natur, Heimat, Tradition, Burgen, Türme und natürlich Mozart. Hauptsache der Blick ist stets nach hinten gewandt. Wer soll sich denn damit identifizieren? Volkstümelnde Neo-Nazis? Die Erzkonservativen im rechten Lager? Die Burschenschaften? Die Orginal Bumsfidelen Pinzgauer Blunznstricker? Wer ruft denn die "Scholle der Väter" an, um bei dieser dem Vaterland ewige Treue zu schwören? In der Bundeshymne heißt es wenigstens noch "Mutig in die neuen Zeiten", aber hier wird der ewige Stillstand zelebriert. Wenn Salzburg tatsächlich so ein wertvolles Schmuckstück ist, wie der Text versichert, dann ist es wahrscheinlich auch zu kostbar, um im Alltag getragen zu werden. Lieber lässt man es in einem Safe verstauben, wo es wenigstens sicher ist. Diese Landeshymne ist nur ein Symptom einer Krankheit, an der diese Stadt nach wir vor leidet.
Vielleicht wird es ja schon besser, wenn die Verkäuferin in der Fleischhauerei nicht mehr "Frau Doktor" zu jener Tippse sagt, die sich vor dreißig Jahren einen Arzt geangelt hat. Aber selbst davon sind wir noch weit entfernt.

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1 Comments:

At 4. August 2006 um 10:01, Anonymous Anonym said...

es benötigt diese konservativen kräfte um salzburg in seinem reiz zu erhalten. jaja

 

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