Mittwoch, 1. Dezember 2010

CHANGE

Liebe Wandlungsfähige,

CHANGE war Obamas 'buzzword' im Wahlkampf. Alles sollte sich mit seiner Präsidentschaft ändern. Genau genommen leben wir in einer Zeit, in der es angeblich alle paar Monate einen Paradigmenwechsel gibt. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen! Jede Woche einen neuen wissenschaftlichen Durchbruch, der unser aller Leben grundlegend verändern wird.
Selbst in den wenigen Jahrzehnten meiner bescheidenen Existenz hier auf Erden habe ich schon weltbewegende Dinge miterlebt: die flächendeckende Einführung des PCs und des Handys, das Internet,
den Fall der Mauer (Die Wende!), das Ende der UdSSR, die Einführung des Euros, 9/11, der Aufstieg Chinas, der erste schwarze Präsident, die jüngste Finanzkrise - und das sind nur die allerwichtigsten.
Interessanterweise habe ich als Österreicher das Gefühl, dass sich überhaupt nichts ändert. Wenn man sich Karikaturen und politische Kommentare von vor 30 Jahren ansieht, braucht man nur die Namen der aktuellen Politiker einsetzen und alles bleibt beim Alten. Die angeblichen großen Wenden haben sich hier nur marginal ausgewirkt. Einzig die zunehmende Digitalisierung und das Internet haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber die politischen Umbrüche waren nicht spürbar.
Das Spannende im Moment ist, dass nicht die großen Krisen die Österreicher mobilisieren, sondern der unerträgliche Stillstand. Nicht die Finanzkrise lockt die phlegmatisch-harmoniesüchtigen Österreicher hinter dem Ofen hervor, sondern die Untätigkeit der Großen Koalition. Die Bürger formieren und organisieren sich. Denn die wirklich großen Umbrüche stehen uns in Österreich noch bevor - so oder so. Aber auch auf europäischer und globaler Ebene kommen ein paar Weichenstellungen und Entwicklungen auf uns zu, gegen die sich 1989 oder 2001 retrospektiv als kleine Randnotizen der Geschichte ausnehmen werden.
Warum traue ich mich diese großen prophetischen Worte in den Mund zu nehmen? Ganz einfach: die ersten Anzeichen für unsere momentanen Baustellen (Erderwärmung, Alterspyramide, Gesundheitssystem, Zusammenbruch der Solidargemeinschaft etc.) hatten wir vor 30 Jahren. Geschehen ist seitdem nichts und die Entwicklung verläuft exponential in manchen Bereichen. Entweder wir bauen unseren Staat und unser Gemeinwesen national und international grundlegend um, oder uns fliegen sehr bald schon die ersten tickenden Zeitbomben um die Ohren. Darauf würde ich sogar eine Wette eingehen.
Die Zehner- und Zwanziger-Jahre dieses Jahrhunderts werden viel spannender werden als all die Pseudokrisen und -wenden der letzten 20 Jahre.   
        

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Donnerstag, 25. November 2010

Rainald Grebe

Liebe Humoristen,

ein englisches Sprichwort besagt: "German humour is no laughing matter." Das ist wie viele andere Vorurteile so natürlich nicht richtig. Deutschland hat zum Beispiel ausgezeichnete politische Kabarettisten, die regelmäßig in der ZDF Satiresendung "Neues aus der Anstalt" auftreten: Urban Priol, Georg Schramm, Hagen Rether, Volker Pispers, und auch Rainald Grebe. Letzerer wurde vor ein paar Jahren durch "NightWash" einem breiteren Publikum bekannt. Während Grebe am Anfang wild herumexperimentierte und vor allem seinen Anarcho-Humor zur Schau stellte, ist der gute Mann in den letzten Jahren nicht nur immer besser geworden, sondern auch viel politischer. Als Beispiel dafür möchte ich "Der Kandidat" aus seinem Album HONGKONGKONZERT (2009) anführen, das er in der letzten Folge von "Neues aus der Anstalt" (http://anstalt.zdf.de/; 16.11.2010) zum Besten gab:



Für mich ist das ganz große Kunst, denn oberflächlich passiert hier nicht viel Tiefgründiges. Je öfter man sich das aber ansieht, desto besser versteht man, wie geschickt Grebe hier die Figur zum Leben erweckt, oft mit Kleinigkeiten. Bevor ich jetzt aber anfange oberlehrerhaft irgendetwas zu erklären, kann jeder für sich selbst rausfinden, was er oder sie davon hält.

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Dienstag, 16. November 2010

Das Pyramidenspiel

Liebe Glücksspieler,

vor vielen Jahrzehnten hatten ein paar findige Österreicher eine Spitzenidee: sie wollten nicht mehr selbst für ihre Pensions- und Krankenkosten aufkommen, sondern lieber ihre Kinder dafür zahlen lassen.  Für jedes Kind, dem das System nicht sofort einleuchtete, hatte man ein paar super Erklärungen:
Wenn du einmal alt und krank bist, wirst auch du kostenlos rundumversorgt, wenn du die Rechnung einfach an deine Kinder weiterreichst.
Und wenn ich keine Kinder habe?
Auch egal, wir sprechen ja nur metaphorisch. Du musst einfach ein paar Deppen finden, die dich durchfinanzieren und diese müssen sich wieder welche suchen, die dann wiederum für sie sorgen.
Ist das nicht ein Pyramidensystem?
Pyramidensystem ist so ein schreckliches Wort: Wir nennen es lieber Generationenvertrag. Jede neue Generation sorgt für die Generation davor.
Das heißt, dass jeder neue Staatsbürger schon bei Geburt einen riesigen Schuldenberg auf sich lasten hat?
Du siehst das alles zu negativ. Betrachte es einmal von der christlichen Seite: Geben ist seliger denn Nehmen. Wer gibt, dem wird auch genommen werden. Steht alles in der Bibel.
Ja, aber was ist, wenn die Kinder einmal nicht mehr mitspielen wollen, wenn der ganze Betrug auffliegt?
Kein Problem, wir machen einfach ein Gesetz daraus. Dann kann sich niemand wehren und jede neue Generation zieht per Gesetz die Arschkarte.

In dieser und den nächsten Generationen gab es einige, die die wahren Möglichkeiten des Systems erst so richtig durchschauten. Denn sobald die Umverteilungsmaschine einmal lief, konnte man, wenn man geschickt war, super davon profitieren.
Ein paar einfache Überlegungen:
1) Wer länger arbeitet ist immer der Dumme.
2) Wer früher in Pension geht, muss weniger einzahlen und bekommt viel mehr heraus.
3) Wer einen möglichst hohen Prozentsatz seines Endgehaltes als Pension bekommt, profitiert überproportional von diesem System.
4) Wenn man sich das eigene Gehalt und die davon abhängige Pension selbst festsetzen darf, kann man nur gewinnen.                        
Also machten sich Politiker und höhere Beamte munter ans Werk und erfanden immer neue Zuckerl für sich und ihre Freunde: garantierte Rundumversorgung durch Verbeamtung, Pensionen ab 50 ohne Abschläge, 80% des Endgehalts als Pension, Spitzenkrankenversorgung für jeden kostenlos etc. 

Das System begann zu kippen, noch bevor es so richtig anfing zu laufen. Anstatt an den Stellschrauben etwas zu verändern, kippte man einfach oben noch mehr Geld rein. Also setzte man die Pensionsbeiträge hinauf. Als das auch nichts mehr brachte, fing man an, zusätzliche Steuermittel aus dem allgemeinen Budget zuzuschießen - an die 10 Milliarden Euro im Moment. Durch die Geburtenrückgänge verringert sich die arbeitende Bevölkerung aber drastisch. Die Jüngeren müssen für immer weniger Geld immer mehr arbeiten. Im Jahr 2025 wird es so viele Pensionisten wie Erwerbstätige geben. Also geht man jetzt dazu über verstärkt Frauen in die Arbeitswelt zu integrieren, damit die Umverteilungsmaschine nicht zu stottern beginnt.

Denn an den Grundeinstellungen der Maschine darf nichts verändert werden, denn die ist heilig. Das ist der heilige und ewiggültige Generationenvertrag, den unsere Urahnen vor langer Zeit unterzeichnet haben. Da die Schuldner nicht selbst unterschreiben konnten, weil sie noch nicht geboren waren, hat Gott selbst seine Signatur daruntergesetzt, in goldenen Schriftzeichen. Wer es nicht glaubt, kann sich das Dokument in der Nationalbibliothek hinter Panzerglas ansehen. Denn wie heißt es im Buch der Renten, Kapitel 2, Vers 6-7: "Bevor ich einen Reichen durch ein Nadelöhr gehen sehe, sollen lieber tausende unterjocht sein und Staub fressen. So spricht der Herr."         

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Samstag, 30. Oktober 2010

200 Jahre Obstgarten

Liebe Leser,

als ich am 19. Juli 2006 "100 Jahre Obstgarten" verkündete, brauchte ich nur ein gutes Jahr, um 100 Beiträge zu schreiben. Wie man sieht, waren vier weitere Jahre nötig, um die nächste Hundertergrenze zu erreichen. Diese Verzögerung erlaubt aber nun ein doppeltes Jubiläum: der Obstgarten feiert nicht nur sein fünfjähriges Bestehen sondern auch die Publikation von 200 Ausgaben.
Wie man unschwer an den Beiträgen erkennen kann, hat sich in dieser Zeit sehr viel getan. Aus dem friedlichen, leise spöttelnden Obi-Wan ist ein verärgerter und streitlustiger Wahn geworden, der viel lieber über seine politischen Überzeugungen schreibt als über die kleinen Absurditäten des Alltags. Die Geburtsväter meines neuerwachten, linksliberal-grünen Sendungsbewusstseins waren und sind nicht die Schwarz-Blauen, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern diese Leichtmatrosen Gusenbauer und Faymann von der SPÖ, die immer nur parteipolitisch tätig waren und die Glaubwürdigkeit der Politik endgültig zerstört haben. Da war ja Kampfschweiger Schüssel mit seiner korrupten (Grasser) und teilweise völlig verblödeten (Gehrer) Ministertruppe und seinen Eurofightern immer noch ein Segen im Vergleich zu dieser Mickey-Mouse Stimme, diesem Faserschmeichler, diesem Umfaller Faymann, der im Seniorencafe den BINGO-Abend moderieren sollte als einen ganzen Staat an die Wand zu fahren.
Gerade jetzt wäre intelligente linke Politik mehr als gefragt, weil die Schwarz-Blauen mit ihrem Neoliberalismus mehr als Schiffbruch erlitten und das Vertrauen der Bevölkerung verspielt haben. Faymann hatte diesen Vertrauensvorschuss, aber der ist schon längst verspielt. In einer wirtschaftlichen Krisenzeit den Kreisky raushängen zu lassen ist nicht nur dumm, sondern gefährlich. In Deutschland profitieren die Grünen wie nie zuvor von der Ideenlosigkeit der Konservativen, aber dort sind auch Politiker am Ruder, denen man annähernd abnimmt, dass sie wissen, wovon sie reden. Faymann schielt nur auf Umfragewerte und was die Kronenzeitung will und dreht sich wie ein Blatt im Wind. Dass sich die Schwarzen in Österreich schützend vor die reichsten Mitbürger stellen und vor irgendwelchen finanziellen Belastungen schützen, ist ebenso pervers wie typisch für die Volkspartei. Aber es ist wenigstens konsequent. Faymann hat im Politiksumpf nur deshalb überlebt, weil er ein Aal ist und somit leicht durchschlüpft. Immer schön geschmeidig und nie irgendwo anecken.
Aber, was reg ich mich auf. Liebe, treue Leserschaft: ich fürchte ihr werdet in den nächsten Jahren noch viele Tiraden dieser Art über euch ergehen lassen müssen, aber ich kann ncht mehr locker lassen. So hoffe ich für uns alle, dass der Obstgarten trotzdem spannend bleibt und nicht in eine einzige Jammerei ausartet.

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Freitag, 29. Oktober 2010

Mit härteren Bandagen

Liebe Demonstranten,

auf der Homepage des Finanzminusteriums findet man eine interessante Aufstellung, was mit unseren Steuergeldern passiert: "Wohin fließt der Steuereuro?". Die Familie Muster zahlt in diesem Beispiel € 7853 Steuern pro Jahr. Davon werden folgende staatliche Ausgaben getätigt:

Pensionen, Soziales, und Gesundheit € 2453 (31%)
Infrastruktur (Energie, Industrie, Gewerbe) € 1149 (14%)
Ministerien und ähnliche höhere Staatsorgane € 926 (12 %)
Schulen und Kultur € 794 (10%)
Schuldenrückzahlung € 774 (10%)
Verkehr € 550 (7%)
Universitäten + Forschung € 388 (5%)
Polizei und Gerichte € 304 (4%)
Landesverteidigung € 211 (3%)
Land- und Forstwirschaft € 201 (2,5%)
Dienstleistungen (Tourismus) € 103 (1,5%)

Hier ergeben sich natürlich interessante Beobachtungen. Da fast alle Regierungen der letzten Jahrzehnte unwillig waren das Staatsdefizit in den Griff zu bekommen, zahlen wir 10% des vorhandenen Budgets als Zinsen für unsere Schulden, nicht aber die Schulden selbst, die schon auf über 200 Milliarden Euro angestiegen sind. Wir geben also so viel Geld für unsere Schulden aus, wie für alle Schulen und kulturellen Einrichtungen zusammen und zwei mal so viel wie wir für Universitäten und Forschung aufbringen. Die Verwaltung auf höchster Ebene (Regierung, Ministerien, Parlament, Bundesrat etc.) ist der drittgrößte Budgetposten und kostet dreimal so viel wie etwa Forschung und Universitäten oder Polizei und Gerichte. Den größten Luxus, den wir uns leisten, sind Pensionen, das Gesundheitswesen und soziale Zuschüsse, wo jeder dritte Euro hinwandert. Wenn man einmal von den Förderungen für die Wirtschaft (14%) absieht, erkennt man relativ schnell, wo Reformbedarf besteht: Pensionen, Gesundheit, Beamte, Schulden, und ein ineffizientes Schulsystem, das sehr viel kostet (10%) und nur mittelmäßig arbeitet.

Okay, wo setzt nun die Regierung mit ihrem Sparpaket an? Bei Familien und Studenten. Denn die gehören zusammen mit den Arbeitslosen und Immigranten zu einer Gruppe, die keine Lobby hat. Wirtschaftstreibende, Pensionisten, Beamte und Ärzte sind hingegen hervorragend organisiert und da fällt das Kürzen von Förderungen natürlich viel schwerer. Also nimmt man denen, die sowieso nicht viel haben, auch noch den Rest weg.

Es wurde immer und überall schon kräftig von Arm auf Reich umverteilt, aber jetzt kommt noch der Transfer von Jung zu Alt hinzu. In Zukunft müssen Studenten sich das Studium selbst finanzieren (Kredit, Arbeit), in prekären Arbeitsverhältnissen viel für wenig Geld leisten, Kredite zurückzahlen, und die eigenen Kinder bis zum Studium durchfinanzieren. Und warum? Damit wir uns bei einer sinkenden Zahl von Berufstätigen eine immer größere Schar von Euromillionären und bestens versorgten Elitepensionisten leisten können, die fürs Nichtstun das Mehrfache dessen kassieren, was ein akademischer Berufseinsteiger verdient.

Ich glaube nicht, dass Studierende, deren Familien, und andere sozial benachteiligte Gruppen prinzipiell auf einen Generationen- oder Klassenkonflikt aus sind, auch wenn unsere Regierung unvermindert Öl ins Feuer gießt. Faymann und Konsorten hoffen einfach darauf, dass sich die Unruhe in der Bevölkerung schnell legt, denn der Österreicher ist harmoniesüchtig und scheut den Konflikt. Bei der gestrigen Demonstration sah man bereits, wie ernst es die meisten Studenten und Uni-Bediensteten mit ihrem Protest meinen: nämlich gar nicht. Es waren zwar einige, aber in Relation zur Gesamtzahl nur wenige. Warum soll man sich auch den Feierabend mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit versauen?

Einzig Herr Blecha zeigte sich sehr erfreut über die jüngsten Entwicklungen: er kann den anderen fetten Maden zurückmelden, dass der Speck gesichert ist.

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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Europe's Promise

Liebe Europäer,

gestern war Steven Hill bei uns auf Besuch, der dieses Jahr mit Europe's Promise: Why the European Way is the Best Hope in an Insecure Age einen Vergleich zwischen dem US-amerikanischen und dem europäischen Wirtschafts- und Sozialsystem vorlegte, in dem er, wie der Titel schon verrät, Europa für die Lösung unserer globalen Probleme hält.
Diese Lobeshymnen erstaunen zunächst einmal den Österreicher in mir, für den nicht einmal annähernd eine Lösung unserer eigenen Probleme sichtbar wird und der die Bundesregierung zunehmend für das größte Übel im Land hält. Wie kommt dieser verrückte Amerikaner also auf die Idee, unseren Weg als großes Vorbild zu sehen?

Zunächst fällt einmal auf, dass die außereuropäischen Staaten Europa schon viel mehr als eine Einheit wahrnehmen als wir selbst. Das europäische Projekt ist eine der großartigsten politischen Leistungen des 20. Jahrhunderts, auf die wir alle sehr stolz sein müssten. Leider sind aber unsere Politiker zu verschlagen, unsere Medien zu zynisch und sensationsgeil, und viele Europäer zu beschränkt, um das zu verinnerlichen, gebührend zu würdigen, und so nach außen zu tragen. Stattdessen verwenden die Politiker die EU als Feindbild, um selbst besser dazustehen, verbreiten die Zeitungen Horrormeldungen über Gurkenkrümmungsvorschriften, um die Auflage nach oben zu treiben, und schimpfen die Durchschnittsösterreich unisono mit den Meinungsbildnern, weil sie intellektuell und geographisch zu beschränkt sind, um die größeren Zusammenhänge zu sehen. Wenn in Europa überhaupt irgendetwas politisch funktioniert, dann ist das am ehesten noch Brüssel. Wer sonst sollte den ganzen nationalen Dummschwätzern auf die Finger hauen, wenn nicht die übergeordneten EU-Gremien? Diese Mischung aus national gewählten Staatsdienern und übergeordneter Aufsichtsbehörde ist ein absoluter Glücksfall. So werden wir Griechenland wieder auf Kurs bringen, Sarkozy in Schranken halten, und hoffentlich die Einwanderungsproblematik lösen.

Steven Hill sieht aber auch in unserer Sozialpolitik eine große Stärke. Während die Vereinigten Staaten immer noch tiefer in die Katastrophe schlittern, haben wir Europäer die Krise relativ gut überstanden. Das hat vor allem mit unserer sozialen Absicherung zu tun. Während die Amerikaner wenig Steuern zahlen und dann privat viel in die soziale Absicherung buttern müssen, zahlen wir relativ viel an den Staat, sind dafür aber auch rundumversorgt. Rechnet man das durch, steigen wir wesentlich besser aus als die US-Amerikaner, die z.B. ihre Altersvorsorge gerade im Immobiliencrash verloren haben und später mit 30% ihres Lohns als Pension auskommen müssen. Dazu kommt noch, dass die Industrie bei uns demokratischer ist, da über Gewerkschaften die Arbeiter viel mehr mitreden können.

Was Hill wegläßt ist der Umstand, dass unsere nationalen Regierungen genau dieses System aufs Spiel setzen, weil sie zu dumm und ängstlich sind, um es wieder auf solide Beine zu stellen. Denn im Moment läuft es völlig aus dem Ruder. Es gibt fast keinen Bereich mehr, der halbwegs funktioniert: Pensionen, Gesundheit, Infrastruktur, Bildung, Landesverteidigung, Zuwanderung, Justiz, etc. Diese Bereiche werden entweder finanziell ausgehungert (Bildung, Zuwanderung, Landesverteidigung) oder mit Milliardenbeträgen überfüttert (Infrastruktur, Pensionen, Gesundheit). Deshalb rechne ich stark damit, dass sich der allgemeine Konsens in Österreich in den nächsten Jahren verflüchtigen und vieles auf der Straße ausgetragen werden wird. Ich hoffe sogar, dass die Jugend wesentlich radikaler wird und auf ihre Rechte besteht.

Denn im Moment haben wir keinen Transfer von Reich zu Arm, sondern von Jung zu Alt. Die Jungen müssen um wenig oder kein Geld immer mehr arbeiten, damit wir eine riesige Zahl von Sozialhilfeempfängern durchfüttern können und nicht auf das Vermögen der Besserverdienenden zurückgreifen müssen. Das kann so nicht weitergehen. Die reichen Pensionisten sollen die ärmeren mitfinanzieren, die gesundheitlichen Risikogruppen sollen mehr Beiträge zahlen (zB. Rauchen, Übergewicht), jeder geht mit 65 in Pension und muss davor massive Kürzungen in Kauf nehmen, und die Höchstpension wird mit 5000 Euro festgesetzt. Aber das geht alles nicht, denn die Alten sind wichtige Wähler und die Politiker würden sich selbst schaden, weil sie zu den Profiteuren dieser Umverteilung gehören.

Ich glaube, dass die Probleme schon zu lösen sind, aber der Kampf darum wird mit viel härteren Bandagen zu führen sein. Steven Hill hat völlig Recht, dass unser System gerechter und, langfrsitig gesehen, erfolgreicher ist, aber wir dürfen uns es nicht selbst kaputt machen.

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Freitag, 27. August 2010

Ist diese Bundesregierung göttlich?

Liebe Politikverdrossene!

Eine witzige Kolumne von Alexander Purger in den heutigen Salzburger Nachrichten (27. August 2010, S.3):

Heureka! Wir haben es. Endlich. Seit Jahrzehnten zerbricht sich Österreich ja den Kopf darüber, wie eigentlich diese Große Koalition funktioniert. Wie es so etwas überhaupt geben kann.
Am Mittwoch zum Beispiel: Da sitzen der SPÖ-Vorsitzende und der ÖVP-Obmann Schulter an Schulter auf der Regierungsbank, wollen beim Budget jeder das genaue Gegenteil vom anderen, vertreten es aber gemeinsam gegenüber dem Nationalrat. Wie geht das? Wie ist so etwas denkmöglich? Man verzweifelt beim Nachdenken.
Oder nehmen wir das Thema Bildung: Die SPÖ ist für die Gesamtschule, die ÖVP ist dagegen. Die SPÖ ist gegen Studiengebühren, die ÖVP ist dafür. Und dennoch betreiben beide Parteien seit 1945 eine gemeinsame Bildungspolitik. Wie kann es so etwas geben? Wie funktioniert das nur? Die Antwort auf diese bohrende Frage liegt im 15. Jahrhundert. Damals entwickelte der deutsche Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues seine Lehre von der "coincidentia oppositorum", vom Zusammenfall der Gegensätze. Laut dieser Lehre sind Gegensätze eigentlich nichts anderes als ein menschlicher Denkdefekt. Wie Kues schreibt, verharren wir Menschen in unserer "docta ignorantia", in unserer gelehrten Unwissenheit, weil wir nur in Gegensätzen denken können, während in Wahrheit alle Gegensätze zusammenfallen - und zwar in Gott.
Das ist laut Kues auch der Grund, warum wir Gott in seiner Gesamtheit nie begreifen können. Weil wir eben in Gegensätzen - in Ja oder Nein, in Schwarz oder Weiß - denken und daher Gott, in dem alle Gegensätze vereint sind, mit dem Verstand nicht erreichen. Das bedeutet, um wieder auf die Große Koalition zurückzukommen, im logischen Umkehrschluss: Da wir die aktuelle Bundesregierung mit unserem Verstand nicht erreichen, muss sie göttlich sein. Und richtig: Sie ist es, denn in ihr fallen ja - wie eingangs beschrieben - alle Gegensätze zusammen.
Nach dieser (in aller Bescheidenheit) sensationellen Entdeckung muss die Geschichte der Gegenwart neu geschrieben werden. Bisher hat man das Göttliche am Kabinett Faymann I ja nicht so wahrgenommen, aber bei genauerer Betrachtung ...
Bei genauerer Betrachtung fallen alle diese scheinbaren Gegensätze - Faymann und Pröll, Rot und Schwarz, einnahmenseitig und ausgabenseitig, Dies und Das, Ping und Pong, Fritz Kaltenegger und Laura Rudas – , bei genauerer Betrachtung fallen alle diese Gegensatzpaare zusammen, lösen sich wundersam auf und weichen einer wahrhaft himmlischen, göttlichen Harmonie. Und das Allerschönste daran: Das Göttliche währt ewig. Schnurr.

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Dienstag, 22. September 2009

SPÖ

Liebe Genossen!

Vielleicht starte ich mit einer Anekdote. Vor vielen Jahren prangte auf dem AK Gebäude in Linz ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: ARBEIT FÜR ALLE! Super! Darauf muss man erst einmal kommen. ARBEIT FÜR ALLE! Das Wort "Arbeit' lässt sich nun beliebig austauschen, um noch weitere großartige SPÖ Werbeslogans zu generieren: PENSIONEN FÜR ALLE! SOZIALE WÄRME FÜR ALLE! SPITZENGESUNDHEITSVORSORGE FÜR ALLE! oder einfach: GELD FÜR ALLE! Niemand hat die SPÖ Werbestrategie besser auf den Punkt gebracht als Horst Schlämmer: MEHR FÜR ALLE!
Das Tragische an der Sache ist nur, dass es sich dabei nicht nur um eine leere Worthülse handelt, wie Hape Kerkeling so schön zeigt, sondern dass die SPÖ tatsächlich in diesen Bahnen denkt. Der Siegeszug der SPÖ in der Zweiten Republik begründete sich tatsächlich auf ein MEHR FÜR ALLE!, das Kreisky in den 1970er Jahren noch finanzieren konnte. In der momentanen Situation ist aber dringend ein WENIGER FÜR ALLE! notwendig. Wie geht das nun mit dem SPÖ Grundsatz zusammen? Nun, gar nicht, wie man so schön an den letzten Wahlergebnissen sehen kann. Die SPÖ steckt schon seit Jahren in einer tiefen Krise. NICHT DENKEN! WIR SCHENKEN! geht eben nur so lange gut, bis die Geschenke ausbleiben. Dann nämlich werden die Kinder schnell grantig und drohen mit Liebesentzug: Wenn ich nicht kriege, was ich will, dann gehe ich eben woanders hin.
Man darf es in der Öffentlichkeit nicht laut sagen, aber stimmen tut es trotzdem: die SPÖ teilt sich mit der FPÖ die Ungebildeten und die Verlierer, die sich in unserer modernen und zunehmend komplexen Welt nicht zurechtfinden. Man muss sich immer von denen am stärksten abgrenzen, denen man am ähnlichsten ist. Also tritt die SPÖ immer ganz entschieden gegen die FPÖ auf. Ideologisch mag diese Abwehrhaltung ja teilweise gerechtfertigt sein, aber die potentiellen Wähler sind dieselben. Warum? Weil man bei beiden Parteien nicht denken muss. Als SPÖ Wähler muss ich nur wissen: NICHT DENKEN! WIR SCHENKEN!, als FPÖ Wähler: KEIN JOB, KEIN HAUS? AUSLÄNDER RAUS! Der einzige Unterschied ist der, dass der SPÖ Spruch in wirtschaftlichen Blütezeiten, der FPÖ Spruch in Krisenzeiten super zieht. Dazu noch ein Haufen Protestwähler und schon ist die FPÖ wieder auf 30%.
Die SPÖ hat also in der momentanen Situation das Problem, dass sie ein bisschen komplexer als MEHR FÜR ALLE! denken muss. In den heutigen SALZBURGER NACHRICHTEN (22. September 2009, Seite 2) findet sich ein sehr interessantes Interview mit Hannes Androsch, in dem er die Situation der SPÖ analysiert:

"So wichtig die Arbeitsplatzsicherung und die Sicherung des Sozialstaats auch ist: Man muss auch dazusagen, wie man diese Ziele erreichen kann. Es ist sicher richtig, soziale Wärme einzufordern. Aber man muss auch dazusagen: Wo ist der Ofen, und wie wird er geheizt?"

Die SPÖ hat panische Angst davor, ihren letzten Wählern die Wahrheit zu sagen: WENIGER FÜR ALLE! Einschnitte, die richtig weh tun. Eine 2-3-Klassen-Gesellschaft in fast allen Bereichen, besonders aber in der Gesundheitsvorsorge und in der Bildung. Wenn sich der Staat nichts mehr leisten kann, wir eben alles PRIVAT: Privatschulen, Privatkrankenhäuser, Privatvorsorge etc. Wenn man sich im Verwandten- und Bekanntenkreis umhört, ist das schon längst Realität.
Dabei wäre in dieser Krisenzeit mit intelligenter linker Politik sehr viel zu machen. Wenn nämlich die SPÖ nicht gegensteuert, dann driften wir in unserer sozialen Realität Richtung Grossbritannien bzw. USA ab. Aber genau das wird eintreten, wenn die SPÖ weiter so dilletiert. Jetzt, wo der Staat Österreich den Reichen ihr Vermögen gerettet hat, dürfen diese ruhig ein wenig was zurückzahlen. Aber das ist mit Faserschmeichler Faymann nicht zu schaffen. Die SPÖ darf wieder klassenkämpferischer werden, muss dabei aber ihr MEHR FÜR ALLE! Prinzip radikal überdenken. Auch die eigenen Genossen müssen Opfer bringen.

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Samstag, 12. September 2009

Der Wiederaufbau

Liebe Patrioten!

Im Zuge der Pensionsdiskussion und dem sich anbahnenden Konflikt zwischen Jung und Alt fällt immer wieder der Begriff des Wiederaufbaus. In meinen 37 Lebensjahren habe ich die Legende vom Wiederaufbau schon so oft gehört, dass ich - vermutlich wie alle anderen - unreflektiert an die heroische Selbstaufopferung meiner Vorfahren glaube. Für die Jüngeren unter uns muss ich wahrscheinlich zunächst erklären, was der Wiederaufbau eigentlich ist. Hier also die Grundzüge:

Als am Ende des 2. Weltkriegs Österreich in Schutt und Asche lag, geschah ein Wunder in diesem unserem Lande: dem ganzen Volke wurde die Erleuchtung zuteil. Jeder streifte die niederen Beweggründe seiner menschlichen Natur wie einen alten schäbigen Mantel ab und erstahlte im Glanze einer neuen heilsbringenden Zeit. Aus Nazis wurden Demokraten, aus Verbrechern barmherzige Samariter, aus Dachinierern und Owizaran eifrige Gesellen. Diese Lichtgestalten opferten ihr eigenes Glück - oder vielmehr: ihr eigenes Leben! - um Tag und Nacht für ihre Heimat, ihre Kinder, und ihre Kindeskinder zu schuften. Ohne sie wäre Österreich jetzt noch eine apokalyptische Steinwüste, aber dank ihrer unmenschlichen Selbstaufopferung können wir, die undankbaren Gfraster, in Freude und Frieden leben. Amen.

Wenn man zur Abwechslung diese Legende einmal zu hinterfragen beginnt, ergeben sich ein paar interessante Überlegungen:

1) Angenommen die Legende stimmt einfach und unsere Urgroßeltern waren aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Um welche Generation geht es dann eigentlich genau? Die mussten also 1945 zwischen 20 und 40 Jahren gewesen sein, um die Wirtschaft überhaupt entscheidend mitgestalten zu können. Mein Vater ist 1933 geboren, also jetzt 76 Jahre alt und seit 15 Jahren in Pension, und hat die Übergangszeit zum wirtschatlichen Aufschwung miterlebt. Somit müssen unsere Helden noch älter sein und kamen folglich zwischen 1905 und 1925 auf die Welt und sind heute zumindest 85 Jahre alt und schon seit 25 Jahren in Pension. Daraus folgt: Die Pensionisten der letzten 20 Jahre waren schon gar nicht mehr dabei und bereits Nutznießer des Wirtschaftswunders. Diese tun aber ständig so, als hätten sie eigenhändig Österreich wieder aufgebaut.

2) Hatten sie eine andere Wahl? Wenn ich mich richtig erinnere, hat man in Deutschland 1945 auch nicht dreimal so viel verdient und dafür nur halb so viel gearbeitet. Dann wäre es nämlich eine echte Selbstaufopferung gewesen. Junge Ostdeutsche und Polen gehen heutzutage auch ins Ausland, weil zu Hause nichts zu holen ist. Aber damals? Wo wäre man hingegangen? Und was war die Alternative? Nicht aufräumen? Ein Land voller Arbeitsloser?

3) Der Marshallplan: Die Amerikaner schufen mit ihrem unfangreichen Finanzhilfepaket kräftige Anreize, um die Wirtschaft in Österreich wieder anzukurbeln und unser Land profitierte überproportional von diesen Geschenken. Wie war das noch mal mit alles aus eigenem Antrieb?

4) Waren 1945 alle Märtyrer? Mir leuchtet irgendwie nicht ein, dass vor und nach unserer (Ur)Großelterngeneration alle Österreicher normale Durchschnittsmenschen waren und sind, während diese eine Generation plötzlich zu lauter kleinen Superhelden wurde, die den ganzen Tag nur dem Gemeinwohl dienten. Ich sehe es bildlich vor mir: während alle Männer davor und danach von Bier und billigen Flittchen träum(t)en, sagten unsere Urgroßväter: Es ist zwar schon 6 Uhr am Abend und du siehst richtig scharf aus, Baby, aber Österreich liegt mir mehr am Herzen als alles andere. Deshalb werde ich jetzt noch im Alleingang eine zerbombte Kirche mit eigenen Händen wieder aufbauen und die Inneneinrichtung des Waisenhauses zimmern, das ich gestern aus Schutt und Asche hochzog. Tut mir leid, Darling, aber wir schreiben das Jahr 1945: kein Sex, kein Alkohol, und kein Nikotin bis wieder glückliche Kinder über Spielplätze laufen, wo jetzt noch Bombenkrater die Betonwüste durchfurchen. So waren halt unsere Urgroßväter: lauter Supermen.

5) War die Arbeitssituation wirklich so schrecklich? Für kurze Zeit vielleicht. Doch dann konnte jeder alles werden. Überall fehlte es an Fachkräften und wer halbwegs intelligent war, konnte bis in die höchsten Etagen aufsteigen. Ohne Matura eine leitende Stelle war kein Problem.

6) Und wenn doch alles ganz schrecklich war? Dann haben diese armen Patrioten auf die Gesamtzeit ihres Erwerbslebens gerechnet immer noch unglaublich profitiert. Dann waren eben die ersten 10 oder sogar 20 Jahre hart und die nächsten 30 liefen wie geschmiert. Kreisky sei Dank.

Und deshalb lasse ich mir von niemandem einreden, dass der Wiederaufbau einer Selbstaufopferung gleichkam. Die Umstände waren sicherlich anders, aber von der Heiligsprechung einer ganzen Generation sind wir meilenweit entfernt.

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Dienstag, 18. August 2009

Hacklerregelung

Liebe Frühpensionisten!

Was hat die derzeitige Bundesregierung mit der Katholischen Kirche gemein? Beide Institutionen beschäftigen sich mit Problemen, die auf der Prioritätenliste weiter unten angesiedelt sind. Es ist zwar prinzipiell löblich, wenn man über den Umstieg von Erdgas auf Fernwärme im Eigenheim nachdenkt, nicht aber, wenn dessen Dach brennt.

Nach wochenlangen Auseinandersetzungen über die Ernennung Gerhard Maria Wagners zum Linzer Weihbischof, beschäftigt sich die Kirche in Österreich nun damit, ob der Ungenacher Pfarrer Josef Friedl schon sein Indianerehrenwort gegeben hat nicht mehr seine Köchin zu vergenusszwergeln. Wozu braucht man noch RTL, SAT 1 und PRO 7, wenn die Nachrichten aus der Diözese Linz Seifenoper vom Feinsten liefern? Aber mein Thema ist eigentlich ein anderes.

Faserschmeichler Faymann und andere verwirrte SPÖ Politiker sind fest davon überzeugt, dass 45 Jahre Arbeit für einen vollen Pensionsanspruch reichen. Deswegen gibt es die sogenannte Hacklerregelung in Österreich, die man nicht mit der Regelung für Schwerstarbeiter verwechseln sollte. Wer also brav 45 Jahre lang Bleistifte gespitzt und Kaffee gekocht hat, darf auch schon früher in Pension. In einer Hau-Ruck Aktion wurde diese wunderbare Regelung vor den letzten Wahlen gegen den Willen der ÖVP bis 2013 verlängert. Und jetzt wundert man sich, dass die Anträge auf Frühpension rasant ansteigen und keiner weiß, wie man das finanzieren soll. Das Durchschnittspensionsantrittsalter liegt bei 58 Jahren, obwohl gestzlich 65 vorgesehen ist. In Wirklichkeit bräuchten wir einen radikalen Eingriff in das Pensionssystem, der das genaue Gegenteil erreicht: massive Abzüge, je früher man in Pension geht, und einen Solidarbeitrag der reichen Pensionisten. Aber von Löschwasser ist weit und breit keine Spur und das Dach lodert munter vor sich hin.

Solange die Regierung die großen Strukturreformen (Föderalismus, Gesundheitswesen, Pensionen) nicht in Angriff nimmt, macht sie sich eigentlich der massiven Verschwendung von Steuergeldern und der Gefährdung des österreichischen Gemeinwohls schuldig. Ich bin zwar kein Jurist, aber für mich sind das strafbare Handlungen.

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Donnerstag, 18. Juni 2009

W.

Liebe Demokraten,

jetzt, da die Bush-Jahre (2001-2009) endlich vorbei sind, wird der gute George "double trouble" Bush ganz gerne verdrängt und vergessen - nicht zuletzt von der neuen Regierung der Vereinigten Staaten. Obama will die Spuren des früheren Regimes beseitigen ohne dabei die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Das Erstaunliche daran ist, dass die Fakten allesamt auf dem Tisch liegen und nicht mühsam zusammengetragen werden müssen: Guantánamo, Abu Ghraib, Folter (Waterboarding etc.), der Bruch des internationalen Völkerrechts (Invasion im Irak unter Vortäuschung falscher Tatsachen), die Tötung tausender Zivilisten in Afghanistan und im Irak, die Einschränkung der Menschenrechte im eigenen Land, Medienzensur, die gezielte Täuschung der eigenen Bevölkerung durch die massenmediale Verbreitung von Lügen etc. Das ist alles nachgewiesen und dokumentiert, wie die bewusste Kriegstreiberei, um nur ein Beispiel zu nennen:
Was man in unseren Medien auch kaum mitbekommt: in den Vereinigten Staaten gibt es massive Proteste gegen die Verschleierungspolitik Obamas:
http://www.worldcantwait.org/

In Anbetracht der Beweislage wundert mich das auch nicht. Unabhängig davon, was man von George Bush persönlich halten mag, gibt es immer noch rechtliche Grundlagen für eine demokratisch gewählte Regierung, die man nicht einfach so ignorieren kann.
Also stellen sich zwei ganz zentrale Fragen:

1) Warum hat das demokratische System in den USA während seiner Amtszeit so jämmerlich versagt?
2) Warum hat es keine Konsequenzen, wenn offensichtlicher Amtsmissbrauch in einem Stil und in einer Größenordnung vorliegt, wie wir ihn in demokratischen Ländern noch nie gesehen haben?

Natürlich hat die amerikanische Demokratie in ihrer Außenpolitik eine lange Tradition entwickelt, derentsprechend Menschenrechte nur für Amerikaner und demokratische Prinzipien nur für die Vereinigten Staaten gelten. International kann man schon mal das Recht mit Füßen treten, Länder präventiv bombardieren, Diktaturen großzügig unterstützen, fundamentalistische Gruppierungen gezielt aufrüsten, und derlei Späße mehr. Hauptsache, die eigenen Interessen bleiben gewahrt.

Doch selbst wenn man realistisch bleibt und derlei Abstriche bei den großen Idealen der Demokratie mitberücksichtigt, schockiert die Vorgangsweise der Bush Regierung noch immer. Der Wahnsinn besteht ja darin, dass hier sehr wohl geplant und konsequent vorgegangen wurde. "Either you are with us, or you are with the terrorists." Das war einer der ersten Sager gleich nach 9/11 und brachte einige Ernüchterung in meinen eigenen Schockzustand. Ich hielt das zuerst für eine Überreaktion, aber in Wirklichkeit kam es direkt aus dem fundamentalistischen Kern dieser Regierung. Meinungsfreiheit war nicht mehr gefragt. Den sogenannten Terroristen sprach man jegliche Menschenrechte ab und so wurden sie auch behandelt. Gefangene wurden ohne Prozess auf unbestimmte Zeit inhaftiert und mit Billigung von ganz oben gefoltert, gedemütigt und vergewaltigt. Macht ja nichts, sind ja auch keine Menschen, sondern Terroristen. Im Dienste des Gemeinwohls wurde zu Hause die Berichterstattung der Massenmedien auf Regierungskurs gebracht. Denn jede Form von Widerspruch könnte den großen Plan gefährden: den Kampf gegen den Terrorismus auf der ganzen Welt.

Diese Muster sind nichts Neues, sondern aus allen Diktaturen der Vergangenheit und Gegenwart bestens bekannt. Wenn sich die Amerikaner nicht ständig als Musterdemokratie und indirekt als auserwähltes Volk Gottes bezeichneten, würde es mich nicht so stören. Andere Riesen, wie Russland oder China, sind auch nicht zimperlich, wenn es um ihre Interessen geht. Sie haben aber auch nie behauptet, das Gute schlechthin zu verkörpern und im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein.

Ohne Aufarbeitung der Bush-Jahre sehe ich wenig Chance für Obama, mit einer Heilandgeste alle Wunden zu heilen und schon ist alles vergeben und vergessen. Da muss schon ein bisschen mehr passieren.

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Mittwoch, 21. Jänner 2009

Pensionen

Liebe Pensionisten!

Zuerst einmal ein paar Fakten: Österreich gibt ca. 15% seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Pensionen aus. Wenn man weiß, dass unser BIP 300 Milliarden EURO beträgt, dann kommt man auf die stattliche Summe von 45 Milliarden Euro. Das entspricht genau 60% der Sozialversicherungsabgaben, über die ja Pensionen finanziert werden. Nur zum Vergleich: wir geben ein Drittel dieser Summe, also 5% des BIP oder 15 Miliarden EURO, für Bildung aus. Zugespitzt könnte man sagen, dass wir drei Mal so viel Geld in die Vergangenheit als in die Zukunft investieren. Aber nun zur zentralen Frage: Warum müssen wir überhaupt so viel Geld dafür aufwenden?

Wieder ein paar Zahlen: In Österreich sind von den 55-59-jährigen nur mehr 40% berufstätig und von den 60-64-jährigen nur mehr 10%. Das offizielle Pensionsantrittsalter beträgt 65 Jahre. Auf 1000 Erwerbstätige kommen 640 Pensionisten. Es werden jedes Monat in Österreich 2 Millionen Pensionen ausgezahlt, die im Schnitt 1400 EURO ausmachen. Beamte, aber auch andere Berufsgruppen, bekommen 80% ihres Endgehaltes (!) als Pension ausgezahlt. Seit 1970 hat sich die Pensionsbezugsdauer der Männer um 400% gesteigert, die der Frauen um 200%.

Als man nämlich das System einführte, dass nicht jeder seine Pension, sondern die seines Opas bezahlt, wurde der Opa auch nur 65 Jahre alt. Wer hätte denn vor 50 Jahren schon wissen können, dass die Medizin einmal solche Fortschritte machen würde. Damals gab es das ja alles noch nicht. Hinzu kommt noch, dass man nach dem Krieg vielen kein ordentliches Einkommen zahlen konnte. Deshalb versprach man ihnen eine totale soziale Absicherung bis zum Tod. Gerade die Beamten verdienten nur einen Bruchteil dessen, was in der Privatwirtschaft zu holen war. Deshalb musste man andere Anreize schaffen, wie z.B. Pragmatisierung und 80% Pension.

Das lustige an diesem Pensionssystem ist ja auch noch, dass kleine Einkommen und besonders Frauen extrem benachteiligt sind. Es kriegt nämlich nicht jeder seine 1400 EURO, sondern die meisten nur ein paar Hunderter, während eine erstaunlich große Zahl ein paar Tausender Pension bekommt. Leider findet man dazu keine Statistik, weil es sonst, verständlicherweise, soziale Unruhen geben würde.

Jetzt stellen sich unsere obersten Pensionistenvertreter, Karl Blecha und Andreas Khol, auch noch hin und beklagen sich, dass der Staat zu wenig Pension auszahlt, weil so viele Frauen und sozial Benachteiligte mit Mindestpensionen auskommen müssen. Das bringt aber zwei Sachverhalte zusammen, die nichts miteinander zu tun haben. Der Staat gibt Unsummen für Pensionen aus und trotzdem geht es vielen Pensionisten schlecht. Das liegt aber daran, dass viele Staatsdiener astronomische Pensionen beziehen und eine permanente Umverteilung von unten nach oben stattfindet.

Deshalb habe ich eine konkrete Forderung: wer mehr als 2000 EURO netto Pension im Monat bezieht, zahlt gestaffelt einen Solidarbeitrag für die armen Pensionisten. Dann bin ich mal gespannt, wie viel den Herren Blecha und Khol die arme Pensionistin mit ein paar hundert EURo im Monat noch wert ist.

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Mittwoch, 10. Dezember 2008

Radikalisierung

Liebe Rebellen!

Faserschmeichler Faymann, der Andy Borg der österreichischen Politunterhaltung, ist noch immer auf großer Prinz Valium Tour: Kaum muckt einer der Untertanen auf und deklariert öffentlich sein Leiden, schiebt ihm der Faserschmeichler eine bunte Pille gegen die Traurigkeit in das Goscherl und schon hält er dieses.
Die Unis jammern, weil sie finanziell ausgehungert werden. Kein Problem, ihr kriegt schon was zur Beruhigung. Die Krankenkassen sind pleite, aber der Faynachtsmann beschwichtigt. Die Postler streiken, aber völlig zu unrecht: denn unter unserem Feel-good-Kanzler wird es keine Entlassung geben. Die KRONEN ZEITUNG und ÖSTERREICH überschlagen sich fast mit Lobeshymnen auf den Alpen-Obama.

Während sich der gelernte Österreicher auch beim 10. Mal noch bereitwillig bückt, um besser in den Arsch getreten werden zu können, gibt es Länder, in denen für die Bevölkerung irgendwann einmal die Grenze erreicht ist. Die Griechen zum Beispiel. Während in Österreich die Studenten gemütlich zu Hause sitzen und Kaffeekränzchen abhalten, gehen die Kollegen in Griechenland auf die Straße. Um Gottes willen, jetzt wird er doch nicht diese Krawalle auch noch gut heißen wollen! Warum eigentlich nicht? Dieser Neo-Biedermeier in Österreich ist ein viel gefährlicheres Krebsgeschwür. Wenn man von der reinen Zerstörungswut ein paar weniger Verrückter absieht, bin ich doch froh, dass in Europa überhaupt noch irgendwer auf die Straße geht, um sich nicht alles gefallen zu lassen. Aber in Österreich sind Streiks verpönt. Und wenn überhaupt, dann streikt die Pharmaindustrie gegen die Patienten, wie wir es unlängst miterleben durften.

Im Prinzip ist es ganz einfach: entweder die Regierung ringt sich zu wirklich radikalen Reformen durch oder die Bevölkerung ringt sich zu einem noch radikaleren Wahlergebnis durch. Als die schwarz-blaue Regierung angelobt wurde, ging endlich eine gewisse politische Bewußtwerdung durchs Land. Wo stehe ich eigentlich? Wen unterstütze ich? Was will ich als Staatsbürger? Vielleicht brauchen wir wirklich einen Bundeskanzler H.J. Strache, damit wir endlich alle aufwachen. Aber uns geht es immer noch zu gut. Viel zu gut.

Einen standardisierten Leistungstest für alle VS-Schüler in der 4. Klasse halte ich für einen absolut radikalen Schritt und ich hoffe sehr, dass unsere Bundesministerin das durchzieht. Die ersten Ergebnisse werden natürlich ein Riesenschock werden. Aber genau das brauchen wir, sonst wird sich in diesem Land nie etwas bewegen. Denn wie heißt es schon bei Schiller: "Und wenn's die Götter nicht gewähren, dann acht' auf eines Freundes Lehren, und rufe selbst das Unglück her."

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Freitag, 8. August 2008

Dalai Lama

Liebe Ti- und andere Beter! Liebe Trittbrett- und Tibetfahrer!

Manchmal öffnet man die E-Mail eines Bekannten und entdeckt ein PowerPoint Attachment, das man nach Möglichkeit an 5 Bekannte weiterschicken soll, damit es Glück bringt. Darin finden sich neben zahlreichen Bildern des safranfarbenen Religionsentertainers auch noch ...

Die 20 Weisheiten des Dalai Lama:

Beachte, dass große Liebe und großer Erfolg immer mit großem Risiko verbunden sind.
Wenn du verlierst, verliere nie die Lektion.
Habe stets Respekt vor dir selbst, Respekt vor anderen, und übernimm Verantwortung für deine Taten.
Bedenke: Nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall.
Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.
Lasse niemals einen kleinen Disput eine große Freundschaft zerstören.
Wenn du feststellst, dass du einen Fehler begangen hast, ergreife sofort Maßnahmen, um ihn wieder gut zu machen.
Verbringe jeden Tag einige Zeit allein. Öffne der Veränderung deine Arme, aber verliere dabei deine Werte nicht aus den Augen.
Bedenke, dass Schweigen manchmal die beste Antwort ist.
Lebe ein gutes, ehrbares Leben.
Wenn du älter bist und zurückdenkst, wirst du es noch einmal genießen können.
Eine liebevolle Atmosphäre in deinem Heim ist das Fundament für dein Leben.
In Auseinandersetzungen mit deinen Lieben sprich nur über die aktuelle Situation.
Lasse die Vergangenheit ruhen.
Teile dein Wissen mit anderen. Dies ist eine gute Möglichkeit, Unsterblichkeit zu erlangen.
Gehe sorgsam mit der Erde um.
Begib dich einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch nie gewesen bist.
Bedenke, dass die beste Beziehung die ist, in der jeder Partner den anderen mehr liebt als braucht.
Miss deinen Erfolg daran, was du für ihn aufgeben musstest.
Widme dich der Liebe und dem Kochen mit ganzem Herzen.

Ich bin dann immer sprachlos. Als Geisteswissenschaftler, Humanist und Christ gehen meine Wurzeln und die meiner Kultur 2500 Jahre zurück, genau zu der Zeit, als Buddha seine Erleuchtung hatte. Da gab es schon Homers Epen, bald darauf die Demokratie in Griechenland, Theater, Philosophen (z.B. Platon) und Aristoteles' Poetik, einen Großteil des Alten Testaments in der überlieferten Form - um nur ein paar wenige Meilensteine zu nennen. Und dann schickt mir jemand die Sprüchlein des Exil-Gottkönigs von Tibet, die er von Omas Sparkassenkalender geklaut hat? Bevor ich mich noch weiter wundere, möchte ich auf Per Hinrichs' Artikel im SPIEGEL vom 27. Juli 2007 verweisen, der die Sache sehr schön polemisch zusammenfasst. (Einfach auf den Titel oben klicken - der ist verlinkt!)

Neben der rein philosophisch-religiösen Seite gibt es dann noch die politische. Anstatt den Dalai Lama und den Tibetkonflikt seriös-sachlich in den nötigen zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, beteiligen sich die westlichen Medien an einer unglaublichen Propaganda, die den 14. Dalai Lama uneingeschränkt in den Himmel lobt und das chinesische Regime in Peking mehr oder weniger als faschistische Barbaren hinstellt. Ich bin nun wirklich kein Freund der Diktatur, und somit auch nicht der chinesischen, aber diese gezielte Fehlinformation und Manipulation der westlichen Öffentlichkeit macht mir schon Sorgen, besonders aber, dass bei uns jeder diesen Scheiß auch noch glaubt.
Die französische Revolution (1789) ist deshalb ein Schlüsselereignis der westlichen Demokratiegeschichte, weil die Bürger die Nase voll hatten von Sonnenkönigen, Herrschern von Gottes Gnaden und sonstigen Theokraten. 220 Jahre später laufen die Europäer in Scharen zum Gottkönig von Tibet, um sich für 50 Euro die schönsten Sprüche aus dem Poesiealbum aufsagen zu lassen. Tibet war bis zum Einmarsch der Chinesen selbst eine feudale Diktatur, wo reiche Klöster und Adelige auf Kosten der Leibeigenen und der völlig verarmten Landbevölkerung lebten. Was wir als finsterstes Mittelalter bezeichnen, war in Tibet vor 50 Jahren noch gang und gäbe. Aus chinesischer Sicht schaffte Tibet erst den Sprung in die Moderne durch den Einmarsch der Volksarmee. Diese Heilsbotschaft, dass es den Tibetern erst so richtig gut geht seit sie unter chinesischer Herrschaft sind, ist ebenso einseitig wie die Gegenbehauptung, dass Tibet ein Paradies auf Erden war. Ich möchte hier auf den Artikel "Freundlicher Feudalismus - Der Tibet-Mythos" von Marcus Hammerschmitt (http://www.indymedia.org/; 04.07.2008) verweisen, der die Geschichte Tibets kritisch hinterfragt:

http://de.indymedia.org/2008/07/221280.shtml

Mir geht es nicht darum, die eine oder andere Version der Geschichte als Wahrheit zu verkaufen, weil sie es beide nicht sind und in politischen Konflikten immer mit harten Bandagen und Lügen gekämpft wird. Vielmehr möchte ich zeigen, dass jeder im Westen eine jahrelange Gehirnwäsche hinter sich hat - Tibet super, China böse!! - und diese Propaganda laufend mit einem Tatsachenbericht verwechselt wird.
Ich möchte auch dazu aufrufen, diesem elenden Fast-Food-Buddhismus abzuschwören. Nur wer keine Bücher liest und seine eigene Geschichte nicht kennt, ist entwurzelt und braucht diese leicht konsumierbaren Heilsbotschaften. Selbst der christliche HERDER Verlag hat 15 Titel vom Dalai Lama im Programm. Kann ich mich als Christ ohne buddhistischen Klimbim nicht mehr selbst finden?

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Dienstag, 29. Juli 2008

Die Jugend und der starke Mann

Liebe Journalisten!

Wenn mich etwas wirklich aufregt, dann ist es der Schwachsinn, den die Vertreter der schreibenden Zunft jeden Tag in diversen Printmedien verzapfen. Aber, man soll ja nicht auf das Niveau eben dieser sinken und einfach Behauptungen in die Welt setzen, sondern klare Beweise liefern. Deshalb folgt hier eine kommentierte Wiedergabe der Kolumne "Die Jugend und der starke Mann", die Inge Baldinger für die Wochenendausgabe der SALZBURGER NACHRICHTEN vom 12./13. Juli 2008 verfasste und die gut sichtbar auf der Titelseite in der Rubrik "Standpunkt" erschien.

"Für die Jugend der späten 60er Jahre muss es ein Schock sein. Sie ging für Freiheit auf die Barrikaden, sie stürzte Autoritäten von den Podesten. Und dann das. Ihre Kinder, nein, eher schon Enkelkinder halten Sicherheit und Wohlstand für wichtiger als Freiheit, ihr Ruf nach einer starken Hand im Staate wird immer lauter. Radikaler könnte eine gesellschaftspolitische Schubumkehr innerhalb von 40 Jahren Friede, Freude, Freizeit kaum ausfallen."

Der erste Satz ist gleich einmal grammatikalisch falsch: entweder muss es "Die Jugend der späten 60er Jahre würde geschockt sein" heißen, um die Zusammenführung von zwei Zeitebenen zu rechtfertigen, die 40 Jahre auseinanderliegen, oder "Für Personen, die in den 60ern jung waren, muss es ein Schock sein." Dann folgen gleich zwei Verallgemeinerungen, die so einfach nicht stimmen. Erstens ging nicht jeder Jugendliche in den 60ern als linksliberaler Aktivist demonstrieren, und, zweitens, schreit nicht jeder Jugendliche heutzutage nach der starken Hand. Und was soll am Wunsch nach Sicherheit und Wohlstand falsch sein? Atmen Sie gerne ein?

"Kein Wunder, dass die Autoren der neuesten Studie über die "Wertewelt" junger Menschen von einem "tief greifenden Transformierungsprozess" sprechen. Nur, dass er diesmal nicht laut und kämpferisch passiert, sondern Besorgnis erregend leise, ja fast resignativ. Natürlich probte die Jugend der 60er Jahre nicht kollektiv den Aufstand, natürlich umarmte die Jugend der 80er Jahre nicht geschlossen Bruder Baum - und natürlich liefern Studien über junge Menschen im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre, so breit und tief sie auch angelegt sein mögen, nur Schlaglichter. Sie fangen aber ein, wie der Geist der Zeit gerade weht."

Was jetzt? Glauben Sie, Inge Baldinger, an die heilige repräsentative Umfrage oder nicht? Und weil wir gerade dabei sind: Um welche Umfrage handelt es sich überhaupt? Wer gab sie in Auftrag? Welche Jugendlichen wurden befragt und wie viele? Welche Fragen wurden gestellt?

"Da zeigt sich: Die Grundstimmung der jungen Menschen, ihr Blick auf die Zukunft, ist nicht mehr bloß nüchtern, sie ist ernüchternd. Keine Rede von Unbeschwertheit oder auch nur Unbekümmertheit. Und weit und breit nichts, woran man sich reiben könnte - nicht einmal mehr an autoritären Eltern. Stattdessen eine Welt, die mit der Wucht völliger Unüberschaubarkeit schon ins Kinderzimmer drängt, eine Welt, in der alles, was Halt und Orientierung verspricht, alles, was gut und wichtig sein könnte, ständig bedroht scheint. Vom Freundeskreis bis zur Beziehung der Eltern, von den Menschenrechten bis zum Weltklima - diffuse Ängste und ein Gefühl der Ohnmacht."

Ist das jetzt das Ergebnis der Untersuchung oder Baldingers ureigene Interpretation? Worauf gründen diese Annahmen/Vermutungen/Verallgemeinerungen? Hat Baldinger selbst Kinder in dem Alter? Spricht Sie regelmäßig mit Jugendlichen?

"Katastrophal wird es dort, wo sich Diffuses zu Konkretem verdichtet. Wenn es stimmt, dass sich drei von vier 14- bis 24-Jährigen größte Sorgen machen, keine Arbeit zu finden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren, müssten alle Alarmglocken schrillen, müsste mit Zuwendung und ernst zu nehmenden Erklärungen reagiert, Mut gemacht und ganz klar vermittelt werden: Wir glauben an Euch."

Was ist das jetzt für eine scheinheilige Nummer? Die 40-60-jährigen, genau diese Alt-68er und die Generation danach, die damals für Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit angeblich auf die Straßen gingen, sind genau jene, die jetzt in den Vorstandsetagen sitzen, sich Berge von Geld zuschanzen und Mitarbeiter vor die Tür setzen, weil der Gewinn des Unternehmens unter die zweistellige Millionen Euro Marke zu fallen droht. Die Jugend soll sich zu Recht Sorgen machen, denn dieser kranke Zynismus ist wie ein Krebsgeschwür in den Hirnen dieser Altersgruppe weit verbreitet.

"Nur: Wo bleibt diese breite Zuwendung, die durchaus nicht bloße Familienangelegenheit ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ja Verpflichtung? Wo bleiben die notwendigen Erklärungen, die kritischen Debatten, die der Jugend das Gefühl geben könnten, wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein? Sie erschöpfen sich sehr schnell in Klagen über den Werteverlust, im Wunsch, der moralische Mensch möge vom Himmel fallen, und darin, Jugendliche mit 16 wählen zu lassen. Na toll."

Ja, irgendjemand muss schuld sein, also ist es naheliegend, dass es an der Gesamtgesellschaft liegt. Wir müssen nur alle mehr tun und wollen, dann wird das schon wieder irgendwie.

"Was bleibt derart vernachlässigten Jugendlichen in so einer Situation? Rückzug. Verweigerung. Oder dem ihre Stimme geben, der die einfachsten Lösungen verspricht und sie mit starker Hand durchsetzen will."

Aha. Die ganze Jugend ist also schwer vernachlässigt und wird demnächst irgendeinem Nazischweinehund die Stimme geben, weil der junge Mensch an sich sowieso zum Faschismus neigt, oder so. Und jetzt dürfen diese Deppen auch noch mit 16 Jahren wählen. Um Österreich ist es wirklich nicht gut bestellt, dachte sich Inge Baldinger und checkte noch schnell, ob ihre ÖMV Aktien gestiegen waren.

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Umfragen

Liebe Statistiker!

Vor ca. einem Monat - um genau zu sein, am 19. und 20. Juni 2008 - führte das renommierte Meinungsforschungsinstitut GALLUP eine Umfrage zur politischen Situation in Österreich und zum Machtwechsel an der SPÖ Spitze durch. Was diese Umfrage von zahllosen anderen unterschied, war, dass ich als einer von 400 repräsentativen Teilnehmern zufällig ausgewählt wurde und bereitwillig daran teilnahm. Ich wollte nämlich immer schon einmal wissen, wie so eine Befragung abläuft. Hier meine Eindrücke:

1) Personen vor Inhalten: Ich war nicht schlecht erstaunt, als mir keine einzige Inhaltsfrage gestellt wurde. In der Politik sollte es doch um Sachfragen gehen, besonders bei einem so miserablen Abschneiden der jetzigen Regierung in eben diesen. Aber anscheinend war es viel spannender herauszufinden, ob man Politiker A lieber als Politiker B im Fernsehen ..äh.. regieren sehen wollte.

2) Suggestivfragen: Was mich des Weiteren störte war eine lange Abfolge von Fragen, die man so, ohne zusätzliche Erläuterungen oder Vorbehalte, nicht leicht beantworten konnte: "Wollen Sie lieber Faymann oder Molterer als Kanzler sehen?" Was ist aber, wenn ich weder den einen noch den anderen jemals wieder irgendwo sehen möchte? In welcher Koalition würde der zukünftige Kanzler regieren und wie sehe das Koalitionsabkommen aus? Wofür stehen Molterer und Faymann eigentlich? All das blieb unberücksichtigt. Also sagte ich bei jeder zweiten Frage: "Wenn ich mich entscheiden muss, dann würde ich eher ... nehmen." Ich scheine also in der Statistik als Befürworter des einen oder des anderen auf, obwohl ich diese Typen nicht wählen würde. Das führt mich gleich zum nächsten Punkt.

3) Relevanz: Selbst wenn wir für einen Moment annehmen, dass die Fragen fair und die Antworten ehrlich wären, können die Aussagen von 400 ÖsterreicherInnen tatsächlich für 6 Millionen Wahlberechtigte stehen? Ist es sinnvoll, eine solche Umfrage in einer Zeit durchzuführen, wenn sogar Spongebob Squarepants als bessere Kanzleralternative zum glücklosen Gruselbauer erschien? Einen Monat später ist die ganze Umfrage sowieso hinfällig, weil sich alle Parameter verschoben haben. Was bringt also diese ganze pseudowissenschaftliche Herumfragerei außer einem Knalleffekt für die Auflagensteigerung einer Tageszeitung oder die soziale Absicherung von tausenden Gesellschaftswissenschaftlern, die im Studium nichts anderes lernen als Statistiken so hinzubiegen, dass beliebige Aussagen dabei rauskommen?

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Mittwoch, 9. Juli 2008

Zum Wohle des Volkes

Liebe Landsleute!

In letzter Zeit bin ich ganz gerührt, was nicht alles für uns, den kleinen Mann von der Straße, getan wird. Zuerst verübt Alfred Gusenbauer politischen Selbstmord, indem er sich vor Hans "Die Wahrheit" Dichand in den Staub wirft, nur um Österreich vor der bösen EU zu schützen. Dann nimmt dieser Märtyrer der EU Politik, sichtlich getroffen, von seiner Kurzkarriere als Bundeskanzler Abschied, indem er nochmals darauf verweist, alles nur für Österreich und sein Volk getan zu haben. Die ÖVP hatte die große Koalition beendet noch bevor Gusenbauer von den eigenen Parteigenossen abmontiert werden konnte. Der schwarze Willi begründete seinen mutigen Entschluss folgendermaßen: "Dieser Schritt ist ausschließlich davon bestimmt, was für Österreich das Beste ist." Willi "Wolfi-Klon" Molterer hat nämlich einen "Neustart für Österreich!" in Planung, damit es uns allen endlich wieder besser geht. Peter "Hojac" Westenthaler und HJ Strache kämpfen sowieso schon seit Menschengedenken für den kleinen Mann mit seinen großen Sorgen. Diese elenden Ritter ohne Frucht und Adel werden Österreich garantiert in ein Schlafaffenland verwandeln.
Gleichzeitig streiken die Ärzte ausschließlich zum Wohle der Patienten. Wie Gusenbauer werden unsere Mediziner leider auch ständig missverstanden: es geht ihnen nämlich nicht darum, mit der Pharma-Mafia gemeinsam das österreichische Gesundheitsbudget zu plündern und jedem Arztbesucher aus Prinzip gleich drei sündteure Medikamente zu verschreiben, sondern die bestmögliche Versorgung für alle Österreicher zu gewährleisten. Diese niveaulose Verunsicherung der Patienten durch Halbwahrheiten oder direkte Lügen ist eigentlich nur zu unserem Besten. Wenn nämlich die Ärzte endlich ein bisschen kontrolliert werden würden und nicht mehr Therapien nach Gewinnspannen verschreiben könnten, ließen sie ihren Frust natürlich an den Patienten aus, was diesen garantiert schaden würde. Deshalb haben die Ärzte auch Recht, wenn sie um das Wohl der Patienten besorgt sind.
Kurzum, wir müssen uns keine Sorgen machen. All die Verantwortungsträger, die wie Schwämme das Volksvermögen an sich saugen, denken den ganzen Tag nur an uns. Sie wollen nämlich nicht unsere Zahlungsfähigkeit gefährden, sondern nur unsere Sparbücher. Der Gewinn soll nämlich weiterhin nach oben umverteilt werden. Wirklich spannend wird es, wenn sich die ersten keine Autos, Fernseher und Reisen mehr leisten können. Vielleicht gibt es dann endlich ein bisschen mehr Widerstand in der Bevölkerung.

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Dienstag, 1. Juli 2008

Brown-nosing

Liebe Arschkriecher,

SHIT! dachte sich wohl auch Franz Vranitzky, als er vom letzten Streich des fliegenden Suizidkommandos, besser bekannt als SPÖ-Spitze, hörte. In einem offenen Brief an KRONE Herausgeber Hans Dichand gaben Gusenbauer und Faymann nun klein bei und schlossen sich der Meinung des wichtigsten Medienfürstens im Land an: ab jetzt sollten alle EU-Verträge per Volksabstimmung von den österreichischen Wählern abgesegnet werden, damit sich der EU-Frust der Österreicher endlich auch offiziell entladen kann. Dieser Nebensatz kommt nicht von der SPÖ Spitze, ist aber der wahre Grund hinter dem Ansinnen Dichands. Der Karikaturist der SALZBURGER NACHRICHTEN, Thomas Wizany hat diesen Kniefall vor Dichand perfekt kommentiert:

Im Englischen nennt man das "Brown-nosing" und jetzt kann sich sicherlich jeder vorstellen, was damit gemeint ist. Vranitzky sieht in dieser Arschkriecherei "vielleicht auch die Erklärung für die Doppelspitze, weil einem allein so ein kapitaler Missgriff gar nicht gelungen wäre". In anderen Worten: so deppert kann einer alleine gar nicht sein.

Gusenbauer hat offensichtlich das Biotop gewechselt: vom Feuchtgebiet Fettnäpfchen ist er nun gleich in den braunen Mediensumpf abgetaucht. Die SPÖ hat es aber auch wirklich schwer: als stimmenstärkste Partei im Land, die noch dazu den Bundeskanzler stellt, lässt sich halt nur schwer ein politisches Ziel umsetzen. Die bösen Schwarzen sind viel zu raffiniert, um sich über den Tisch ziehen zu lassen. Ganz im Gegenteil: die ÖVP zieht seit Regierungsbildung regelmäßig die SPÖ über den Tisch. Da wird halt auch ein Phlegmatiker wie Gusenbauer einmal lebensmüde. Jetzt sprengt sich also die SPÖ Spitze selbst in die Luft und die anderen Parteien können dieser Selbstdemontage mit einem genüsslichen Grinsen im Gesicht zusehen. Selbst Strache, diese hohle Witzfigur, wirkt neben Gusenbauer lebendig und engagiert.

Die Panik in der SPÖ lässt sich ja nur so erklären, dass bei Neuwahlen zu viele KRONE Leser von der SPÖ zur FPÖ wechseln, weil sich diese beiden Parteien eine überraschend große Wählerschicht teilen: eben jene Menschen, die sich von Dichand angesprochen fühlen. Ohne Inhalte und kompetente Politiker bleibt der SPÖ auch wirklich nur mehr die großangelegte, sinnentleerte Medienkampagne. Mit so einer beschissenen Strategie ist die Partei nun endgültig am Arsch.

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Dienstag, 29. April 2008

Der Schein heiligt die Mittel

Liebe Empörte!

Man kann den asiatischen Diktaturen vom Iran über China bis Nordkorea vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie missverständlich in ihren Aussagen oder inkonsequent in ihren Taten wären. Selten genug findet man diese beinahe völlige Übereinstimmung von politischen Absichtserklärungen und deren konkreter Umsetzung. Als Österreicher ist man ja eine gewisse Inkongruenz zwischen Wille und Werk gewöhnt, aber selbst da verblüfft die komplette Unfähigkeit der regierenden SPÖ auch nur eines ihrer zentralen Wahlversprechen in die Tat umzusetzen. Die Chinesen, hingegen, kennen dieses österreichische "Schmäh führen" nicht. Dort entscheidet man sich für eine Sache und zieht sie ohne Rücksicht auf Verluste durch. Die Chinesen schrecken weder vor dem Kapitalismus zurück, um ihren Kommunismus zu retten, noch vor dem Krieg um ihren inneren Frieden zu sichern. Sie haben die staatliche Souveränität von Taiwan oder Tibet niemals anerkannt und werden das auch niemals tun. Jede Form von Protest oder Gegenwehr wird brutal niedergeschlagen, wie sie 1989 am Tiananmen Platz eindrucksvoll unter Beweis stellten. Die Chinesen haben niemals einen Hehl daraus gemacht, dass sie für den Fortbestand ihres politischen Systems alles zu opfern bereit sind - von der Umwelt bis hin zu den Menschenrechten.
Als die Volksrepublik ihre Tore für ausländische Investoren öffnete, die Sicherheit von Kapital und Liegenschaften garantierte und großzügig in die Infrastruktur investierte, kamen wir Westler in Scharen angerannt. Jeder wollte am wirtschaftlichen Aufschwung Chinas mitverdienen und die ungeahnten Möglichkeiten eines Landes für sich nutzen, das Arbeiterrechte und Umweltschutz nur vom Hörensagen kennt. Da ist es doch scheißegal, wenn jedes Jahr ein paar dutzend oder hundert Systemkritiker und freie Journalisten verschleppt, eingesperrt oder hingerichtet werden.
Gleichzeitig laden wir den Dalai Lama als Staatsoberhaupt Tibets in unsere Talkshows im Fernsehen ein und leiden mit den armen Tibetern mit, die so fürchterlich von den bösen Chinesen unterdrückt werden. Wir Westler haben die Menschenrechte schließlich erfunden, nachdem wir sie jahrhundertelang mit Füßen getreten haben. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt und somit das Recht uns bei jeder Gelegenheit moralisch zu entrüsten, wenn irgendwo in Asien, Afrika oder Lateinamerika ein Diktator nicht nach unserer Pfeife tanzt.
Als die tibetanischen Mönche ihre Protestaktionen starteten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Chinesen das tun würden, was sie schon seit Jahrzehnten machen: Aufstände brutal niederschlagen. Aber das haben wir alle gewußt. Ich bin daher äußerst erstaunt, dass irgendwelche Vollidioten jetzt die Olympischen Spiele boykottieren wollen und sich unheimlich aufregen, wo doch die Chinesen nur konsequent sind.
Wir sind um keinen Deut besser als die Amerikaner, die alle paar Jahre einen Diktator zum Verbündeten aufbauen und bald darauf zum neuen Feind des Westens erklären. Entweder wir sind für China und drücken schon mal ein Auge zu, wenn ein paar Studenten und Protestler ins Gras beißen müssen, oder wir distanzieren uns tatsächlich und ziehen uns komplett aus der Volksrepublik zurück. Die momentane Scheinheiligkeit des Westens ist jedenfalls zum Kotzen. Jeder freut sich darüber, wenn asiatische Kinder heimlich und unter schlechten Bedingungen unsere billigen Massenprodukte herstellen, aber wenn dann dieser Skandal ans Tageslicht kommt, dann bricht die große Empörung aus. Diese Möchtegernmoralapostel sollen endlich einmal begreifen, dass Kapitalismus und christliche Nächstenliebe inkompatibel sind. Die Chinesen sind in ihrem Wahnsinn wenigstens konsequent, der Westen nicht einmal das.

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Mittwoch, 26. März 2008

Die Österreicher

Liebe Eingeborene!

Ma kau mehr dasitzn ois darenna. Mit dieser Weisheit hörte mein letzter Blog-Eintrag auf und so soll dieser beginnen. Nirgendwo ist die österreichische Gemütlichkeit und Unbeweglichkeit so fehl am Platz wie in einem modernen Arbeitsumfeld. Professionalität ist eine Tugend, mit der der Österreicher als genetisch programmierter Beamter nichts anfangen kann. Er will lieber bis ans Ende seiner Tage "a bissl wos weidabringa" und den Rest der Zeit mit der Gesamtsituation unzufrieden sein. Sudern, Nörgeln, Raunzen, Jammern und Lästern sind seine liebsten Beschäftigungen - im Prinzip eigentlich nur eine in unterschiedlichen Ausprägungsformen. Der weitverbreitete Phlegmatismus wird nur von kurzen, dafür heftigen cholerischen Anfällen durchbrochen.
Der Österreicher ergibt sich gerne seinem Schicksal, da er nicht an die Veränderbarkeit der Welt glaubt. Er neidet dem Dietrich Mateschitz, wie allen Erfolgreichen, seinen American Dream, besonders weil dieser im Weltbild des Österreichers gar nicht vorkommt bzw. nicht vorkommen darf. Fleiß und Zielstrebigkeit werden schon im Kindesalter von Mitschülern als unösterreichisch und anbiederisch empfunden. Mit Leistung schleimt man sich nur bei Lehrern und Vorgesetzten ein, hat aber keinen intrinsischen Wert. Solange man mit Schludern, Schummeln und Kompromisslösungen durchkommt, sind Anstregung und Eigeninitiative unnötige, um nicht zu sagen suspekte Aktivitäten.
Die Borniertheit des Österreichers ist überall dort nicht so schlimm, wo er keine Verantwortung tragen muss. Es besteht aber leider auch in Österreich die Notwendigkeit Entscheidungen zu treffen oder sogar Weichen für die Zukunft zu stellen. Unsere Herrn Bundeskanzler und Vizekanzler sind Paradebeispiele dafür, was in Österreich generell nicht funktioniert.

Erstens glauben Gusenbauer und Molterer, dass der Arbeitsplatz ein Ort ist, um seine Befindlichkeiten zu artikulieren. Wenn unsere Sekretärinnen stundenlang am Gang ihre alltäglichen Erlebnisse und Frustrationen austauschen, entsteht zwar auch wirtschaftlicher Schaden, aber es ist nicht gleich das ganze Land betroffen. Unsere Politiker hingegen streiten seit einem Jahr ganz offen, weil die Schwarzen Gusenbauer insgeheim für einen usurpatorischen Wappler und die Roten Schüssel und Konsorten für arrogante A***löcher halten, um es endlich einmal auf den Punkt zu bringen. Professionalität bedeutet aber, dass man in eine Rolle schlüpft und Gefühle sowie Befindlichkeiten draußen hält.

Zweitens mangelt es beiden an Souveränität, Charisma und Klasse. Die Umgangsweise der Politiker spiegelt auf traurige und tragische Weise immer noch wider, wo sie eigentlich herkommen: das engstirnige Milieu, das in Österreich auf Lebenszeit prägt. So viel edlen Rotwein kann Gusenbauer gar nicht saufen, um sich von der Stammtischmentalität seines Denkens zu befreien und Molterer wird auf ewig den dickschädeligen Bauern in sich mittragen. Da helfen weder Studium, feine Anzüge noch schwere Autos.

Drittens fehlt es ihnen an Visionen. Schüssel verlor 2006 die Wahl, weil er sich selbst zum Sonnenkönig eines paradiesischen Österreichs erklärte, in dem, seiner Meinung nach, kein Handlungsbedarf mehr bestand. Der ÖVP Wahlkampf hatte keine Inhalte, außer Wolfi, den Wunderzwerg, in Szene zu setzen. Die SPÖ war einfach dagegen: gegen Eurofighter, gegen Studiengebühren, gegen Steuern, gegen alles. Konstruktive Vorschläge waren ebenfalls keine dabei. Wen wundert es also, dass jetzt nichts passiert, wo doch beide Parteien schon im Vorhinein klar machten, dass sie keine Ideen hatten. Sie sind einfach nur konsequent.

Meiner Meinung nach sind die Politiker gar nicht schuld an der Misere. Solange die Österreicher sich immer und überall nur mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben, werden auch die Politiker uns vor Augen halten, was Mittelmäßigkeit wirklich bedeutet.

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