Dienstag, 29. April 2008

Der Schein heiligt die Mittel

Liebe Empörte!

Man kann den asiatischen Diktaturen vom Iran über China bis Nordkorea vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie missverständlich in ihren Aussagen oder inkonsequent in ihren Taten wären. Selten genug findet man diese beinahe völlige Übereinstimmung von politischen Absichtserklärungen und deren konkreter Umsetzung. Als Österreicher ist man ja eine gewisse Inkongruenz zwischen Wille und Werk gewöhnt, aber selbst da verblüfft die komplette Unfähigkeit der regierenden SPÖ auch nur eines ihrer zentralen Wahlversprechen in die Tat umzusetzen. Die Chinesen, hingegen, kennen dieses österreichische "Schmäh führen" nicht. Dort entscheidet man sich für eine Sache und zieht sie ohne Rücksicht auf Verluste durch. Die Chinesen schrecken weder vor dem Kapitalismus zurück, um ihren Kommunismus zu retten, noch vor dem Krieg um ihren inneren Frieden zu sichern. Sie haben die staatliche Souveränität von Taiwan oder Tibet niemals anerkannt und werden das auch niemals tun. Jede Form von Protest oder Gegenwehr wird brutal niedergeschlagen, wie sie 1989 am Tiananmen Platz eindrucksvoll unter Beweis stellten. Die Chinesen haben niemals einen Hehl daraus gemacht, dass sie für den Fortbestand ihres politischen Systems alles zu opfern bereit sind - von der Umwelt bis hin zu den Menschenrechten.
Als die Volksrepublik ihre Tore für ausländische Investoren öffnete, die Sicherheit von Kapital und Liegenschaften garantierte und großzügig in die Infrastruktur investierte, kamen wir Westler in Scharen angerannt. Jeder wollte am wirtschaftlichen Aufschwung Chinas mitverdienen und die ungeahnten Möglichkeiten eines Landes für sich nutzen, das Arbeiterrechte und Umweltschutz nur vom Hörensagen kennt. Da ist es doch scheißegal, wenn jedes Jahr ein paar dutzend oder hundert Systemkritiker und freie Journalisten verschleppt, eingesperrt oder hingerichtet werden.
Gleichzeitig laden wir den Dalai Lama als Staatsoberhaupt Tibets in unsere Talkshows im Fernsehen ein und leiden mit den armen Tibetern mit, die so fürchterlich von den bösen Chinesen unterdrückt werden. Wir Westler haben die Menschenrechte schließlich erfunden, nachdem wir sie jahrhundertelang mit Füßen getreten haben. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt und somit das Recht uns bei jeder Gelegenheit moralisch zu entrüsten, wenn irgendwo in Asien, Afrika oder Lateinamerika ein Diktator nicht nach unserer Pfeife tanzt.
Als die tibetanischen Mönche ihre Protestaktionen starteten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Chinesen das tun würden, was sie schon seit Jahrzehnten machen: Aufstände brutal niederschlagen. Aber das haben wir alle gewußt. Ich bin daher äußerst erstaunt, dass irgendwelche Vollidioten jetzt die Olympischen Spiele boykottieren wollen und sich unheimlich aufregen, wo doch die Chinesen nur konsequent sind.
Wir sind um keinen Deut besser als die Amerikaner, die alle paar Jahre einen Diktator zum Verbündeten aufbauen und bald darauf zum neuen Feind des Westens erklären. Entweder wir sind für China und drücken schon mal ein Auge zu, wenn ein paar Studenten und Protestler ins Gras beißen müssen, oder wir distanzieren uns tatsächlich und ziehen uns komplett aus der Volksrepublik zurück. Die momentane Scheinheiligkeit des Westens ist jedenfalls zum Kotzen. Jeder freut sich darüber, wenn asiatische Kinder heimlich und unter schlechten Bedingungen unsere billigen Massenprodukte herstellen, aber wenn dann dieser Skandal ans Tageslicht kommt, dann bricht die große Empörung aus. Diese Möchtegernmoralapostel sollen endlich einmal begreifen, dass Kapitalismus und christliche Nächstenliebe inkompatibel sind. Die Chinesen sind in ihrem Wahnsinn wenigstens konsequent, der Westen nicht einmal das.

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