Dienstag, 10. Juni 2008

Feuchtgebiete

Liebe Proktologen!

"Dingen auf den Grund gehen, bis man fast kotzen muss." (S. 79) Dieser Satz aus Charlotte Roches Feuchtgebiete (Köln: DuMont, 2008) scheint programmatisch zu sein. Helen Hemel, die 18-jährige Protagonistin des 'Romans' hat nur wenige Interessen in ihrem jungen Leben, aber diesen geht sie konsequent auf den Grund. So, zum Beispiel, beim "Muschistudium" (S. 116) ebendieser, wobei sie, als eher praktisch veranlagtes Mädchen, nicht gedanklich, sondern immer nur physisch in ihr Innerstes vordringt. Ihr Horizont endet da, wo das Einführen diverser Objekte in ihre Körperöffnungen an anatomische Grenzen stößt. Der explorative Vorstoß in das eigene Selbst ist somit oft zum Scheitern verurteilt und endet bereits an der Oberfläche. Man sieht nicht hinein, in diese Helen Hemel, aber dafür bekommt man viel davon mit, was an ihrer Außengrenze passiert, besonders dort, wo sich der Körper öffnet oder aufgerissen wird, wo er Stoffe mit der Umgebung austauscht. Die Feuchtgebiete, die Helen hier kultiviert, verschwimmen des Öfteren, da sie es darauf angelegt hat das verlorene Material über andere Öffnungen wieder für sich zu gewinnen. Erstaunlich viel lässt sich oral reintegrieren.

Geistig und emotional ist dieses arme Scheidungskind, das sich nichts sehnlicher wünscht als die eigenen Eltern wieder zusammenzubringen, im Volksschulalter stecken geblieben. Helens Rückkehr von der Toilette, die wegen einer fehlenden Unterhose eine Urinspur zur Folge hat, führt direkt in folgende heitere Episode über:
"Es klopft, und jemand geht mit weißen Gesundheitsschuhen die Pipistraße entlang. [...] Noch mehr Leute kommen rein. Die Tropfen werden alle zertrampelt. Die Leute haben alle mein Pipi unter ihren Gesundheitsschuhen. Das ist genau mein Humor. Ich stelle mir vor, wie sie den ganzen Tag auf den verschiedenen Stationen für mich mein Revier markieren. Was machen die eigentlich hier, außer Pipistraßen von kleinen Mädchen kaputtmachen?" (S. 94)
Ja, sie ist ein echter Wonneproppen, unsere Helen, ein aufgewecktes Kind, das allen viel Freude bereitet. Mit Deutsch hat sie es nicht so, aber das gleicht sie locker mit Charme wieder aus. Wahrscheinlich habe ich mit obiger Bemerkung ein paar Volksschüler irritiert, die zu Recht von sich behaupten können, der korrekten Verwendung des Genitivs mächtig zu sein. Es heißt nämlich "Pipistraßen kleiner Mädchen", höre ich sie erzürnt einwenden, oder "Ich schaue in der Schublade meines Metallnachtschranks nach" statt "Ich schaue in der Schublade von meinem Metallnachtschrank nach." (S. 138) Womit sie natürlich Recht haben.

Obwohl die diversen Schmuddelficks der Helen cool und "entspannend geil" (S. 161) sind, hat sie ihre romantische Ader auch nach Jahren des Herumbumsens nicht eingebüßt: "Ich glaube, wenn ein Mann die Tränen von einer Frau isst, sind die beiden für immer verbunden." (S. 195) Wer es nicht glaubt: dieses Buch treibt einem tatsächlich die Tränen in die Augen.

Nach dieser etwas länger geratenen Einleitung sollten wir uns wieder Sachthemen zuwenden, die sich am besten als FAQ-Liste abarbeiten lassen:

(1) Handelt es sich bei diesem Buch um einen Roman?

Nun, ein Roman im klassischen Sinne zeichnet sich dadurch aus, dass glaubwürdige Charaktere mit realistischen Szenarien konfrontiert werden, die der Leser aus seinem unmittelbaren Erfahrungsschatz heraus nachvollziehen kann. Die Helden machen einen Entwicklungsprozess durch, den die Leserschaft mit großem Interesse verfolgt. Bei Helen Hemel handelt es sich aber um ein überzeichnetes Kunstprodukt, das schlicht und einfach eine destruktive Haltung zum eigenen Körper repräsentiert. Daran wird der Leser auch ständig erinnert. Diese 18-jährige setzt sich aus nichts zusammen außer Verbrechen gegen den guten Geschmack. Da entwickelt sich nichts, da geht es nicht in die Tiefe, da gibt es keine Subtilität. Nach wenigen Stunden schwindet das Buch bereits aus der Erinnerung und nach einer Woche ist es weg. Feuchtgebiete ist vor allem intellektuell schlüpfrig. Da ist nichts, woran man sich ein wenig anhalten könnte.

(2) Handelt es sich bei diesem Buch um Pornografie?

Leider nicht. Man hofft ja ständig, dass es bei diesem kleinen Luder nun endlich einmal zur Sache geht, aber jedes Mal bricht die Erzählung ab, wenn es spannend werden könnte. Sex spielt eigentlich eine untergeordnete Rolle: alles muss dreckig und grauslich sein und da passt das halt auch ganz gut dazu. Für Helen ist jede Art von sozialer Interaktion nur eine Flucht vor der eigenen Banalität und Leere. Lieber mit einem wildfremden Typen ficken als eine Nacht alleine verbringen zu müssen. Sie möchte Spuren hinterlassen, aber alles was sie hat sind ihre Körpersäfte. Also pisst, blutet, eitert, rotzt und kotzt sie überall hin. Helen ist eine völlig sinnentleerte Figur, bei der es nicht einmal mehr für einen Porno reicht. Dafür ist sie viel zu kaputt - psychisch und physisch.

(3) Handelt es sich bei diesem Buch um ein feministisches Manifesto?

Ich hoffe nicht. Der Feminismus liegt zwar danieder, aber von Charlotte Roche darf man sich dahingehend keine Impulse erwarten. Feuchtgebiete ist viel zu heterogen, viel zu banal und unüberlegt, um in irgendeiner Weise überzeugen zu können. Die paar Attacken gegen den Waschzwang sind zwar ganz nett, aber daraus eine neue Philosophie zu stricken ist lächerlich. Bewegungen leben von Vorbildern und Vorstreitern, nicht von hohlen Witzfiguren.

(4) Worum handelt es sich dann?

Beim Lesen fühlt man sich als Mitte 30-jähriger ständig an die gute alte Zeit erinnert, als man sich heimlich ein BRAVO ausborgte und die "Liebe, Sex, und Zärtlichkeiten"-Seite nach möglichen praktischen Infos durchforstete. Man war ständig von Halbwahrheiten und Spekulationen über sexuelle Praktiken umgeben und freute sich schon über jede Kleinigkeit, die irgendwo durchsickerte.
Feuchtgebiete ist im Prinzip ein BRAVO-Porno, die härtere Version dieser episodenhaften Einblicke in die scheinbar verruchte Welt des Geschlechtsverkehrs. Im Gegensatz zum Heft, das sich wenigstens ansatzweise dem Gedanken der Aufklärung verpflichtet fühlt, heizt Feuchtgebiete nur die Gerüchteküche an.
Vor dem ersten Kuss muss sich der Teenager heutzutage schon mit Analverkehr herumschlagen, weil man im Falle eines Falles gerüstet sein muss. Wie führt man eine Darmspülung erfolgreich durch, damit er keine Kacke auf den Pimmel kriegt? Oder will er das vielleicht haben? Deshalb immer vorher fragen, rät uns Helen. Dies ist nur einer von vielen lebenspraktischen Tipps, mit denen die Heldin keineswegs zurückhält: "Immer alles rauslassen, lautet meine Devise, sonst kriegt man Krebs." (S. 159) Als völlig unreflektiertes Wesen merkt sie natürlich nicht, dass ihre eigene Geisteshaltung viel zersetzender wirkt als jede Krankheit.

Es ist jedenfalls kein Wunder, dass sich vor allem Schüler auf das Buch stürzen. Nicht nur die Horrorfilme müssen immer blutiger werden, sondern auch die BRAVO. Charlotte Roche ist ein proktologisches Meisterstück gelungen: Wie die "Arschärzte" verdient auch sie ihr Geld damit, dass sie anderen im Allerwertesten herumbohrt.

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Donnerstag, 22. Juni 2006

PULP FICTION

Liebe Leser!

Es überrascht ja kaum noch, dass in der heutigen Zeit jeder halbgebildete Sprachvergewaltiger einen Verlag findet, der das hilflose Gestammel eines an den Massenmedien zu Grunde gegangen Geistes zu publizieren bereit ist. Das Erschütternde ist nur, dass Dan Brown mit SAKRILEG (THE DA VINCI CODE) Millionen von Lesern anspricht, die diesen billigen Banalitätenzirkus für einen hervorragenden Thriller halten. Dieser Fehleinschätzung erliegt man aber nur, wenn man auf Barbara Karlich, Vera Russwurm und Bügelfernsehen im Allgemeinen abfährt und THE DA VINCI CODE das erste Buch seit Zusendung des letzten Quellekatalogs ist.
Eigentlich bin ich ja ganz froh, dass es den guten Dan gibt. Als Literaturwissenschaftler kommt man ja manchmal in die Verlegenheit für Bekannte in drei Sätzen erklären zu müssen, worin der Unterschied zwischen Schundliteratur (pulp fiction) und Literatur im engeren Sinn besteht. Nun, am Beispiel von Dan Brown als Inbegriff des modernen Analphabetismus lässt sich wunderbar zeigen, wie ein Fäkalienalchemist zuerst Scheiße in Worte und dann Worte in Gold verwandeln kann. Ich möchte aber die Argumente nicht schuldig bleiben und präsentiere nun die Ergebnisse meiner qualvollen Leseerfahrung. Immerhin musste ich 600 Seiten Sprachverrohung bewältigen. Womit wir auch schon beim ersten Thema wären:

1) Sprache
Während sich der Ausdruck "pulp" in "pulp fiction" auf die Qualität des Papiers bezieht, ist er bestens als Beschreibung für Dan Browns Prosa geeignet: ein form- und farbloser Brei von Platitüden und Verbaldiarrhöe - halbverdautes und sofort wieder ausgekotztes Sprachfastfood aus Film und Fernsehen. Diese verbale Inkontinenz hat auch zur Folge, dass die äußerst dünne Geschichte über 600 Seiten zähflüssig dahinläuft. Alles wird dreimal wiederholt, damit auch der letzte Hugo noch kapiert, was gerade los ist.
"The fond memory caused Sophie a pang of sadness as the harsh reality of the murder gripped her again." Diese Trivialkollokationen überziehen den ganzen Roman wie eine Pilzerkrankung: fond memory, horrible death, deadly enemy, ancient secret, secret message, wide shoulders, broad chin, loyal servant, orgiastic rituals, a deep sense of loss, a roaring gunshot, a narrow crawl space, the nighttime breeze, the very foundation of, etc.

2) Superlative
In der Welt des THE DA VINCI CODE gibt es nur Superlative. Wie in Superheldencomics hat jede(r) genau eine Eigenschaft, in der er / sie am besten ist. Diese fast übermenschlichen Fähigkeiten braucht man auch, wenn man es mit den größten Verschwörungen, ältesten Geheimnissen und schwierigsten Rätseln der Welt zu tun hat: "Jacques Saunière was the only remaining link, the sole guardian of one of the most powerful secrets ever kept." Natürlich gibt es genau eine Person (his only chance, wie Jack Bauer sagen würde), die seine Lebensaufgabe fortführen kann: "..., and there existed only one person on earth to whom he could pass the torch."

3) Charakterisierung
Die meisten Seifenopern und Trickfilme haben komplexere Charaktere als THE DA VINCI CODE. Robert Langdon und die anderen Pappkameraden sind so seicht, dass im direkten Vergleich sogar Obelix, Homer Simpson und Al Bundy als vielschichtige Persönlichkeiten erscheinen. Über Bezu Fache, den ewig grantigen und hartnäckigen Bullen, erfahren wir: "His tone was fitting - a guttural rumble ... like a gathering storm. [...] Fache's enormous palm wrapped around Langdon's with crushing force. [...] Captain Bezu Fache carried himself like an angry ox, with his wide shoulders thrown back and his chin tucked hard into his chest. His dark hair was slicked back with oil, accentuating an arrow-like widow's peak that divided his jutting brow and preceded him like the prow of a battleship. As he advanced, his dark eyes seemed to scorch the earth before him, radiating a fiery clarity that forecast his reputation for unblinking severity in all matters." Manchmal weiß man einfach nicht mehr, ob Dan Brown es ernst meint oder bereits das Genre persifliert.

4) Lächerlichkeiten
THE DA VINCI CODE enthält so viele Blödsinnigkeiten, dass man selbst als halbgebildeter Leser ständig aus der Illusion gerissen wird. Die folgenden Beispiele sind nicht frei erfunden, sondern werden sogar als Schlüsselelemente oder Beweise für die Wahrheit der Geschichte angeführt:
a) Maria Magdalena war Jesus Christus' Frau und ist als Schwangere nach dessen Tod am Kreuz von Israel nach Frankreich geflüchtet, wo sie ihre Tochter Sarah zur Welt brachte - eine völlig verständliche Reaktion, so wie auch heute noch viele schwangere Vorderasiatinnen, deren Männer ans Kreuz genagelt werden, nach Frankreich auswandern.
b) ARIEL, die kleine Meerjungfrau, hat deshalb rote Haare, weil "throughout his entire life, Disney had been hailed as 'the Modern-Day Leonardo da Vinci'. Both men were generations ahead of their times, uniquely gifted artists, members of secret societies, [...] Like Leonardo, Walt Disney loved implanting hidden messages and symbolism in his art" und Ariel steht somit für Maria Magdalena, die ja bekanntlich auch rote Haare hatte, wie bereits Leonardo da Vinci in seinem Gemälde DAS LETZTE ABENDMAHL festhielt.
c) Englisch ist eine "lingua pura", denn "unlike French, Spanish, and Italian, which were rooted in Latin - the tongue of the Vatican - English was linguistically removed from Rome's propaganda machine, and therefore became a sacred, secret tongue for those brotherhoods educated enough to learn it." Da war ich natürlich ganz erstaunt, denn gerade beim Spanischlernen hat mir Englisch mit dem größten versteckten lateinischen Wortschatz aller Sprachen sehr geholfen. Selbst die einfachsten Körperteile haben im Englischen lateinische Namen: Mundhöhle - oral cavity, Rachen - pharynx, Kehlkopf - larynx, Zeigefinger - index finger, Großhirn - cerebrum, Wirbelsäule - spinal column, Bauchspeicheldrüse - pancreas, Blinddarm - caecum, etc.

5) Pseudointellektualität
So wie Banker und Anwälte glauben, daß Anzug, Krawatte, Rotwein, Zigarre und schweres Auto Lebensstil signalisieren (und über die Banalität der eigenen Existenz hinwegtäuschen), so meint auch Dan Brown, dass sein pseudointellektuelles Dahergeschwafle seine Leser beeindruckt. Der Veteran aus dem Algerienkrieg ist bei ihm "a veteran of la Guerre d' Algérie" oder der Polizeikommisar wird mit "my capitaine" angesprochen. Brown hat nämlich nicht nur die Sprache, sondern auch die ganze Lebensart der Europäer voll internalisiert, so wie die meisten Amerikaner eben. Ständig wohnt man, wie die klassisch doofe weibliche Hauptfigur, irgendwelchen Unterrichtsstunden bei, in denen die beiden "Wissenschaftler" in Stellvertretung des allwissenenden Autors dem schwer beeindruckten Leser ihr unendliches Wissen preisgeben. Die ganze aufgeblasene high tech Superverschwörung stellt sich im Endeffekt als banales Dreigroschenromanmuster heraus, in dem es wieder einmal um tragische Familienschicksale sowie Blut und Boden geht.

6) Cliffhanger
Fast allen einhundertundfünf Kapiteln geht ein Cliffhanger voraus. Es wirkt nämlich überhaupt nicht gezwungen, wenn im Minutentakt total aufregende Dinge passieren. Einzig die Werbung fehlt noch, die man sich vor lauter Aufregung wohl verdient hätte, um vom emotional high wieder runterzukommen. Aber Dan Brown ist gnadenlos und jagt den armen Leser 105 Mal über die Hochschaubahn. Da ist natürlich für Feinheiten und Details keine Zeit. In einer Hand das Buch, in der anderen der Kotzbeutel. Man weiß ja nie, ob es nicht einem doch noch den Magen umdreht.

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Mittwoch, 2. November 2005

Ödipus - Hamlet - Jack Bauer

Liebe Mythologen!

Nach "We need man like you" und "A History of Violence" bringe ich hiermit die völlig ungeplante Gewalt-Trilogie zu Ende. In seinem Buch "Die gnadenlose Liebe" (Suhrkamp, 2001) entwirft Slavoy Zizek ein Modell, wie sich die Tragik der mythischen Helden im Laufe der Zeit wandelt, aber stets aus dem Verhältnis von Wissen und Tat resultiert.
Das Schicksal des Ödipus wird insofern als besonders tragisch empfunden, als der Held handelt ohne die Zusammenhänge zu kennen. Zwar prophezeit das Orakel seine Taten, aber gerade seine Flucht vor diesem Fluch treibt ihn genau dazu: Er tötet seinen Vater Laios, heiratet seine Mutter Iokaste und zeugt vier Halbgeschwister. Das Schicksal hat sich gegen ihn verschworen und lässt ihn im Dunkeln, bis Vatermord und Blutschande vollzogen sind. Ödipus selbst nimmt die Ermittlungen auf, um den Mörder des früheren Königs zu finden. Nach einer intensiven Suche nach Wahrheit kommt er sich schliesslich selbst auf die Schliche.
Bei Hamlet liegt der Fall ganz anders: Ein Zu-viel-wissen macht den armen Prinzen völlig handlungsunfähig. Bereits in der 5. Szene des 1. Akts tritt sein eigener Vater als "Kronzeuge im Mordprozess" auf und erzählt aus der Sicht des Opfers den Tathergang im Detail. Was könnte sich ein Detektiv noch mehr wünschen? Doch der zögernde Prinz braucht Beweise. Er inszeniert die Bluttat als Theaterstück und als sein Stiefvater und Onkel an der entscheidenden Stelle aufspringt und davonläuft, ist jedem klar, dass der Geist nicht log. Doch Hamlet ist wie gelähmt. Gerade weil er alles weiß, handelt er nicht.

Jetzt lasse ich mal kurz den Slavoy zu Wort kommen:
"Doch es gibt noch eine dritte Formel, um die dieses Paar - "Er weiß es nicht, obwohl er es tut" und "Er weiß es und kann es daher nicht tun" ergänzt werden muß: "Er weiß ganz genau, was er tut, und dennoch tut er es." Während die erste Formel den traditionellen Helden betrifft und die zweite den der frühen Moderne, charakterisiert die letzte, die das Wissen und den Akt auf zweischneidige Weise miteinander kombiniert, den spätmodernen - postzeitgenössischen - Helden." (S. 14)

Was er damit meint, verrät er ein wenig später: "Kurzum, die eigentlich moderne post- oder metatragische Situation besteht darin, daß mich eine höhere Notwendigkeit zwingt, die ethische Substanz meines Wesens zu verraten." (S. 15)

Dieser Definition zur Folge ist Jack Bauer der moderne Held schlechthin. Ständig opfert er sein privates Glück, seine Gesundheit und seine moralischen Grundsätze for the greater good - to save millions of lives. Er ist sich dabei ständig der Konsequenzen seines Handelns bewußt: "No one understands that better than I do."
Er weiß genau, was er tut, und dennoch tut er es.
In A HISTORY OF VIOLENCE passiert so etwas ähnliches. Um sich, seine Familie und seine Freunde zu schützen, muss Tom Stall wieder zur Bestie werden und seine Vergangenheit nicht nur im Kopf, sondern jetzt auch in der Realität auslöschen. Wie bei Jack Bauer ist der Preis für den Schutz seiner Familie seine Familie. Gewalt wird immer mit Opfern bezahlt.

Nun aber zur Preisfrage: Ist Jack Bauer tatsächlich der prototypische Held unserer Zeit? Gibt es noch den unwissenden und den zögernden Helden? Und was ist eigentlich mit den Frauen? Gibt es da ganz andere Heldentypen?

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Sonntag, 17. Juli 2005

Molvania - A Land Untouched by Modern Dentistry

Slzengro! (Welcome!)



from INTRODUCTION:
Molvania, the world's number one producer of beetroot and the birthplace of whooping cough, is a country steeped in history and everywhere here the past is beautifully preserved, such as in towns like Gyorik where you'll find one of the oldest nuclear reactors still operating in the world.

A worker at the Sjerezo nuclear power plant proudly demonstrates the central reactor core, safely protected by her lead-lined shawl.

As far as buildings and public monuments go Molvania is doubly blessed, having experienced two architectural golden ages: a Gothic period under Holy Roman Emperor Charles IV and the late 1950s during which its Soviet-inspired love affair with non-reinforced concrete left an indelible mark on the urban landscape.

from HISTORY:
The empire converted to Christianity with the arrival of the missionary St Parthag in AD863 but reverted to paganism as soon as he left the following year. During the Dark Ages Molvania enjoyed a short period as a Muslim country, but the Koran's strict teachings against drinking, violence and extra-marital sex never caught on with the local population.

Molvania experienced a brief flowering of Renaissance culture, with some historians putting the actual period down to about three weeks towards the end of 1503. But there is certainly evidence of a renewed interest in art and culture beyond this time and during the 1520s one of Europe’s most enlightened universities was built in the country's north at Motensparg, which offered courses in ancient Greek and Latin as well as wrestling scholarships.

from SVETRANJ - ACCOMODATION BUDGET
Svetranj also offers a wide range of youth hostel accomodation, a cheap alternative to hotels. Bookings are essential as these places can get pretty busy in summer, especially now that the largest and most popular hostel, Djormi's, has been closed down by authorities after guests reported finding video cameras hidden in the women's shower facilities. (The owner, the irrepressible Viktor Djormi, originally denied all knowledge, then insisted the cameras were there for security to prevent soap and towel theft. The matter is still before the courts where a full bench of judges are now into their second year of viewing the taped evidence).

Find out more at:
http://www.molvania.com.au/molvania/

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Samstag, 25. Juni 2005

Purity and Danger

Liebe Putzteufel!

Nach Marshall McLuhans "Understanding Media" (1964), widme ich den heutigen Beitrag einem weiteren Buch aus der Reihe Routledge Classics, nämlich Mary Douglas' "Purity and Danger" (1966).
Im Wesentlichen geht es um Dreck. Während wir unter Dreck bzw. Schmutz die Verunreinigung einer Oberfläche im häuslichen Umfeld verstehen (Boden, Möbel, Kleidung etc.), geht Douglas als Sozialanthropologin einen Schritt weiter und definiert Schmutz als Unordnung. Das klingt jetzt banal, hat aber weitreichende Konsequenzen.
Jede Gesellschaft schafft sich ein eigenes Ordnungs- oder Klassifizierungssystem, dass durch ihre Institutionen (Familie, Gericht, Schule, Kirchen, Polizei, Regierung, Verbände, Vereine etc.) gefestigt und verteidigt wird. Man kann auch einfach soziale Ordnung dazu sagen. Alles, was nicht erwünscht ist, wird mit einem Verbot bzw. Taboo belegt - besonders im menschlichen Miteinander (oder hier auch Gegeneinander). Eine Unordnung im sozialen Bereich (moralische Übertretung) wird interessanterweise mit Schmutz assoziiert. Das wird besonders im Englischen deutlich: "dirty" bedeutet eben nicht nur "schmutzig", sondern auch "ungezogen" (dirty boy), "unanständig" (dirty joke), "moralisch verwerflich" (dirty old man), "unehrlich" (dirty trick), "beschmutzt" (I feel dirty.), "Scheiß- bzw. Sau-" (dirty weather) etc. "Dreck" bedeutete ja ursprünglich "Exkrement", was im Wort "Scheißdreck" noch erhalten ist.
Das Entfernen von Schmutz - auch in diesem weiter gefassten Sinn - bedarf immer einer Reinigung. Deshalb haben die meisten Religionen Waschrituale, die mit einer Verschmutzung im engeren Sinn ja gar nichts zu tun haben. Es handelt sich um eine symbolische Wiederherstellung der Ordnung. Im Weiß des Hochzeitskleids trifft sich das Saubere mit dem moralisch Korrekten (Jungfräulicheit in diesem Fall). Das "saubere Madl" hat sich nicht nur hinter den Ohren gut gewaschen, sondern ist auch anständig. Genauso sagen manche Bayern noch heute "sauber" für "super" oder "gut gemacht".
Es ist ja auch kein Zufall, dass man von Psychohygiene spricht. Man muss eben die Unordnung, den Schmutz, wieder aus dem System rauskriegen. Viele Menschen mit einer seelischen Störung entwickeln deshalb auch einen Putz- oder Waschfimmel und oft einen übertriebenen Ordnungssinn. Wenn man in sich das Chaos trägt, beruhigt wenigstens die äußere Ordnung, die ja wesentlich leichter herstellbar ist.
Nachdem ich "purity" schon angesprochen habe, fehlt jetzt noch "danger". Das Wort hat ja auch eine Doppelbedeutung: "gefährlich" und "aufregend". Die Überschreitung einer gesellschaftlichen Norm übt ja oft eine große Anziehung (bzw. Ausziehung) aus. Für eine soziale Ordnung bedeuten Ausstieg, Veränderung und Taboobruch immer eine Gefahr. Deshalb ist die Funktionstüchtigkeit einer Gesellschaft am besten daran ablesbar, wie sie mit Außenseitern, neuen Ideen und moralischen Übertretungen in der Grauzone zwischen Recht und Unrecht umgeht. Denn die Ausnahme von der Regel ist mindestens genau so wichtig, wie die Regel selbst.

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Montag, 2. Mai 2005

Papa Joe

Liebe Christen!

Ich habe am Wochenende Papst Benedikts des XVI (aka Kardinal Ratzinger oder Ein Bayer in Rom) letztes Buch "Werte in Zeiten des Umbruchs" (Herder, 2005) gelesen. Darin sind Reden und Vorträge aus den letzten 13 Jahren versammelt, wobei der Großteil jüngeren Datums ist. Vielleicht zuerst die frohe Botschaft: Der Papst scheint es mit der Ökumene tatsächlich ernst zu meinen. Das ganze Buch über spricht er von den Christen und die "heilige katholische Kirche", an die wir alle laut Glaubensbekenntnis glauben sollen und wollen, meint dann vermutlich nicht exklusiv uns Katholiken, sondern auch die Ketzer und Kirchenspalter, die des Nächtens junge Kätzchen strangulieren und des Nachbarn Brunnen vergiften (aka die Evangelischen, Protestanten, Freikirchler, Ostkirchler, Pfingstbewegten, Pfadfinder, Original Oberkrainer, Sandalenträger, Strohsternbastler, Maoisten, Jar-Jaristen, Kubisten, Organisten, Dadaisten und wie sie alle heißen). Kurz gesagt: Er relativiert den katholischen Totalanspruch. Die meisten Kommentare zur modernen Gesellschaft und zur Europapolitik kann man auch alle nachvollziehen.
Wo er mich aber argumentativ im Regen stehen läßt ist beim Gewissen. Er stellt völlig logisch dar, dass das eigene Gewissen nicht die höchste Instanz sein kann, weil jeder Mensch immer wieder aus vollster Überzeugung falsch handelt und erst nachher erkennt, was er für einen Mist gebaut hat. Man kann eben seiner eigenen Subjektivität nicht entfliehen. So weit, so gut. Als logische Konsequenz braucht man daher die katholische Kirche als guide, damit man die richtigen Entscheidungen treffen kann.
Besteht aber die katholische Kirche nicht auch aus lauter Individuen, die ihrer Subjektivität nicht entfliehen können? Woher nimmt der Papst oder irgendein anderer Kirchenvertreter die absolute Wahrheit? Haben all die Kirchenführer der letzten 2000 Jahre deshalb Recht, weil sie sich auf ein System geeinigt haben? Dabei sagt Ratzinger selbst, dass die Mehrheit in einer Demokratie nicht automatisch Recht hat. Woher weiß die katholische Kirche also, dass sie auf dem richtigen Weg ist?
Wo er sich auch auf Glatteis begibt ist beim gerechten Krieg, z.B. gegen Deutschland im zweiten Weltkrieg, wobei dieser Fall ja noch halbwegs einleuchtet. Wo zieht man aber die Grenze? War der Bombenkrieg gegen Zivilisten auch noch okay? Wer entscheidet, ob und unter welchen Umständen ein Krieg gerecht ist? Man darf hier nicht vergessen, dass die Kirche Abtreibung als Mord sieht. Warum sind abgetriebene Zellhaufen und Föten unverzeihlich, während im gerechten Krieg zwangsweise Opfer in Kauf genommen werden müssen?
Man darf sich also keine große Liberalisierung der Lehre erhoffen. Wenn er aber die Sache mit der Christian community hinbekommt, dann ist warscheinlich für seine Amtszeit schon genug geschehen.

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