Beginner's Guide to World Music
Liebe Musikologen!
World Music wurde am Montag, dem 29 Juni 1987 um 7 Uhr abends im Empress Of Russia in St. John Street, Islington (London), erfunden. Zumindest lässt sich das von der Bezeichnung behaupten, unter der seitdem kubanischer Son, kapverdische Mornas oder Gumbe aus Guinea-Bissau verkauft werden. Dieses Treffen der wichtigsten Vertreter des World Music Business (World Circuit, GlobeStyle, Sterns oder Hannibal - damals noch kleine Labels) war von einem zentralen Problem bestimmt. Als Paul Simon 1986 GRACELAND veröffentlichte (mit 14 Millionen verkauften Tonträgern einer der größten Erfolge im Weltmusikbereich), war im Plattenladen noch alles klar: die stellen wir unter S wie Simon gleich mal neben SOUND OF SILENCE auf. Als ein Jahr später Ladysmith Black Mambazo's SHAKA ZULU folgte, das Paul Simon für seinen südafrikanischen GRACELAND-Chor produzierte, sah die Sache schon anders aus. Wo sollen wir dat denn nun hinstellen? Pop ist es ja nicht und Rock schon gar nicht. Da blieb wohl nur F wie Verschiedenes. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten etablierte sich das neue Genre mit Bestsellern wie Mory Kantés AKWABA BEACH oder Salif Keitas SORO (beide 1987, millionenfach verkauft und heute nur schwer erträglich) sehr schnell.
Dass man heute AKWABA BEACH oder SORO nicht mehr auf heavy rotation laufen hat, liegt vor allem daran, dass es sich bei World Music oft nicht um echte roots music handelt, sondern um fusion music. Deshalb ist AKWABA BEACH als 80er Jahre Dancefloor Album sehr weit von originärer westafrikanischer Musik entfernt. Kanté spielt darauf zwar Kora, aber ansonsten ist außer seiner Stimme wenig Afrkanisches zu hören. Auf N'DIARABI (1981) war er noch näher an den Wurzeln dran, wenn auch hier Keyboard und Synthesizer dominieren - die 80er eben. Es ist bezeichnend, dass sowohl Kanté mit SABOU (2004) und Salif Keita mit MOFFOU (2002) und M'BEMBA (2005) zu ihren akustischen Wurzeln zurückgekehrt sind.
Für den Laien ist Weltmusik kaum durchschaubar, weil hier tatsächlich dutzende Musikstile aus der ganzen Welt zusammengefasst werden und zweitens die CD-Läden im deutschsprachigen Raum zwar ein Regal mit der Aufschrift WORLD MUSIC stehen haben, dort aber nur drittklassige Sampler zu finden sind. Wer sich einen Überblick verschaffen will, sollte das britische Magazin SONGLINES lesen und sich Simon Broughton's THE ROUGH GUIDE TO WORLD MUSIC (ca. 1400 Seiten) anschaffen. Da hat man dann ein Leben lang etwas zu tun.
Zum Schluss möchte ich noch ein paar hervorragende Alben aus Westafrika vorstellen, damit ihr euch nicht durch Berge von CDs hören müsst (so wie ich).
1) Rokia Traoré: BOWMBOI (2003)
Rokia Traoré (geb. 1973) zählt neben Oumou Sangaré und Kandia Kouyaté zu den drei bedeutendsten Sängerinnen Malis. Ihr Debütalbum MOUNEISSA (1998) schlug wie eine Bombe ein. Radio France Internationale wählte sie zur "African Discovery of the Year". Ihr zweites Album WANITA (2000) wurde von den Lesern des fROOTS Magazins (gleich nach SONGLINES die wichtigste World Music Publikation) zum "Album of the Year" bestimmt. BOWMBOI (2003) ist musikalisch minimalistisch. Es kommt mit n'goni, balaba (großes balafon) und percussions aus. Auf zwei Tracks ist das Kronos Quartett mit dabei. Das ganze Album lebt ausschließlich von Traorés außergewöhnlicher Stimme. Anspieltipps: "Sara" und "Déli". Unbedingt aktiv zuhören. Es lohnt sich!
P.S. Rokia Traoré ist auf Ballaké Sissokos hervorragendem Kora-Album TOMORA (2005) mit "Niman Don" vertreten.
2) Ali Farka Touré & Toumani Diabaté: IN THE HEART OF THE MOON (2005)
Was soll man da noch sagen? Wahrscheinlich eines der besten Instrumentalalben im World Music Sektor ... ever. Touré, der Bluesman Malis, und Diabaté, ein begnadeter Koraspieler, haben nach zahlreichen Kooperationen mit anderen Musikern (Touré mit Ry Cooder auf TALKING TIMBUKTU oder Diabaté mit Ketama auf SONGHAI 1+2) endlich zueinander gefunden. Außer ein paar supporting musicians (z.B. Orlando "Cachaíto" Lopez) hört man nur Tourés Gitarre und Diabatés Kora - und das auf Weltklasseniveau. Unbedingt kaufen!
3) Daby Balde: INTRODUCING DABY BALDE (2005)
Wenn man von senegalesischer Musik spricht, hört man immer die selben Namen: Baaba Maal, Youssou N'Dour, Cheikh Lo (neues Album LAMP FALL ist mehr als empfehlenswert!), Ismael Lo, oder Thione Seck. Mit Moutarou "Daby" Balde taucht nun plötzlich ein neuer Künstler auf, von dem Charlie Gillett, der Roger Ebert der Weltmusik, einfach so mal behauptet: "... this is his first international release and it could soon put him in the first division of the world’s great male singers." Spinnt er jetzt, der Charlie? "Introducing Daby Balde is so astonishingly good, I keep listening again to make sure I’m not exaggerating or misrepresenting it." Da wird man natürlich neugierig. Akkordeon, Saxophon, Violine - wie soll das denn zu E-Gitarre und Kora passen? Astonishingly well. Charlie Gillett lag schon manchmal daneben, aber nicht mit dieser Empfehlung. Hier passt einfach alles zusammen. Man kann gar nicht glauben, dass so etwas auf einem Debütalbum möglich ist. Anspieltipp: "Sora".
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