Freitag, 21. August 2009

Architektur pur

Liebe Architekten!

Zuerst einmal ein Bilderrätsel: Welches der folgenden Gebäude soll eine Universität bzw. ein Shopping Center werden?




Okay. Auf die Distanz vielleicht etwas unfair. Hier also die Close-ups:



Immer noch nicht? Also ein kleiner Hinweis: eines der Gebäude ist für über tausend Studenten und Mitarbeiter der Uni Salzburg konzipiert, das andere für ein paar hundert Schnäppchenjäger. Nun? Das Spannende an der modernen Architektur ist, dass die Funktionalität und der äußere Identifikationswert keine Rolle spielen. Das ist wie in der Fernsehwerbung: bis zum Schluss weiß man nicht, ob es um Fieberzäpfchen oder Fernseher geht.
Also nun des Rätsels Lösung: das jeweils erste Bild zeigt das neue Designer Outlet, das jeweils zweite den "Unipark" Nonntal. "Unipark" schreibe ich immer in Anführungszeichen, weil es sich um eine ironische Bezeichnung handelt: der Park ist nämlich gestrichen.
Bemerkenswert an den beiden Bauprojekten ist auf jeden Fall, dass sich der Einkaufstempel mit einer neoklassizistischen Fassade schmückt, um über die Banalität im Inneren hinwegzutäuschen, während der Unineubau, dem der Look des Designer Outlets stehen würde, wie ein 08/15 Beton und Glas Kotz ..äh, sorry.. Klotz erscheint. Er ist zwar auffällig, aber eben nur als Architektur. Bereits bei der ersten internen Vorstellung des Baus wurde klar, dass er an den Bedürfnissen der Betroffenen völlig vorbeigeht.
Dabei sind nicht einmal die Architekten schuld: die verstehen sich einfach als "Künstler" und bauen Skulpturen - Hauptsache alles ist aus Beton und Glas und leuchtet im Dunkeln. Viel verwunderlicher ist, dass die zuständigen Planungsgremien von Stadt und Uni einen Entwurf durchwinken, der gewisse Fragen aufwirft. Aber wie sagte der Rektor so schön: Wenn wir jetzt nicht bauen, dann vielleicht nie. Also stellt man etwas hin, das klein und unpraktisch ist. Aber wenigstens steht es da.

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Mittwoch, 10. September 2008

Mir Baun

Liebe Häuslbauer!

Mein Mann, der ist im Herz nicht gsund, mein Sohn tut Nägeln kaun,
ich selber hab ein Magengschwür, doch es bleibt dabei: Mir baun.

Die Parzelle habn wir günstig kriegt, so billig, du glaubst es kaum.
In dreissg Jahr sind wir schuldenfrei, des is doch geil: Mir baun.

Doch bis das Häuschen fertig ist, da darf man sich nichts leisten
den Rohbau stelln wir selber hin, denn da spart man am meisten.

Mein Mann, der war vom Baun nervös, so nervös, da hat er graucht.
Ein Herzinfarkt und s'Baun dazu, da hat's ihn z'samma gstaucht.

Es ist schlimm, doch wie er gstorbn is, da hab ich nur gekichert,
das Häuschen, das ist schuldenfrei, ich hab den Mann versichert.

Die Jugend red't andauernd vom Vergnügen und der Freid,
was bauch ich ein Vergnügen, i hob doch gar koa Zeit.

So sang Georg Ringsgwandl anno dazumal, aber an den Grundprinzipien des Bauens hat sich sehr wenig geändert. Noch immer ist der Bauprozess von der Planung über die Finanzierung und den Rohbau bis hin zum Einzug und Bewohnen ein Leidensweg sonder gleichen. Das gilt vor allem für Bauvorhaben der öffentlichen Hand. Hier mischen nämlich so viele Institutionen und Stellen mit, dass es fast an ein Wunder grenzt, dass manche dieser kompromissbedingten städtebaulichen Missgeburten auch tatsächlich errichtet werden.

In Salzburg ist der sogenannte Unipark ein Paradebeispiel dafür, was man alles falsch machen kann. Zuerst einmal ist der Projektname irreführend. Die zuständigen Städteplaner haben nämlich dafür gesorgt, dass der Unineubau rundherum komplett zugebaut wird. Nördlich steht bereits ein riesiger Schulkomplex. Westlich halten massenweise Touristenbusse, da man die Tagesgäste möglichst nahe ans Zentrum herankarren will. Das Sportzentrum Mitte, in sich eine völlige Fehlplanung, und drei Wohnhausbauten werden gerade südöstlich des geplanten Grundstücks hochgezogen, damit von der restlichen Grünfläche möglichst wenig übrigbleibt. Da die öffentliche Hand nicht mehr als 54 Millionen Euro ausgeben will, musste die Uni so konzipiert werden, dass der Platz zu knapp wird: zu kleine Büros, zu wenige Hörsäle, zu wenig Parkplätze etc. Das weiß man bereits jetzt und baut trotzdem, weil es sonst vielleicht überhaupt keinen Bau gibt. Den Zuschlag gab man einem Architektenbüro, dessen Plan völlige Transparenz vorsieht. Das klingt dann so im Werbetext:

"Im Sinne geistiger Offenheit sind die Fachbereiche mit Hilfe gläserner Wände weitgehend transparent gehalten. Wenn auch durch spezielle Behandlung der Glasscheiben gegen allzu neugierige Blicke geschützt, soll doch wahrzunehmen sein, was im Hause vor sich geht. Transparenz wird also eingesetzt, um eine anregende Verdichtung der Hochschulatmosphäre zu erzeugen. Die Transparenz hat überdies baurechtlich den Effekt, dass die Erschließungsflächen möbliert werden dürfen. Coffeepoints, Kopierstationen und Konferenzecken werden als Treffpunkte dem Gedankenaustausch dienen und ihrerseits die Kommunikation unter Lehrkräften und Studierenden fördern. Dem Ernst wissenschaftlicher Arbeit wird also eine Facette ermunternder Leichtigkeit hinzugefügt."

Die "spezielle Behandlung der Glasscheiben" wurde erst nach massiven Protesten genehmigt. Jetzt klebt man sündteure Folien auf sündteure Glastüren und -wände, damit man doch nicht alles sieht. Man kann ja besonders gut arbeiten und sich konzentrieren, wenn man sich ständig beobachtet fühlt. Auch für den Wärmeschutz ist es geradezu ideal, wenn alles aus Glas ist.
Eigentlich hätte mit dem Bau schon längst begonnen werden sollen, aber es stellte sich heraus, dass der Rohbau viel teurer kommt als erwartet, obwohl er ganz viel architektonischen Firlefanz vorsieht. Also brach man die Ausschreibung ab und plante nochmals das Gebäude um, damit es billiger wird "ohne an Qualität zu verlieren". Zuvor wollte man also bei gleicher Qualität einfach Geld verschwenden. Wir sind jedenfalls schon alle gespannt, was das werden wird.
Man fragt sich bei dem ganzen Theater, wer eigentlich der Urheber einer solchen Misere ist. Die Architekten wollen gigantomanische Gebäudeskulpturen hinstellen, die jeglicher Bewohnbarkeit trotzen, die Stadtplaner wollen coole Architektur, die Politiker wollen sparen, wo es nur geht, die Jury wählt wahrscheinlich das kleinere Übel aller Projektvorschläge, wobei ein reiner Glasbau ein Riesenproblem ist, und die tatsächlich Betroffenen, die Mitarbeiter der Universität Salzburg, dürfen gar nicht mitreden. Denen wird das fertige Projekt im Bewußtsein aller Schwächen vorgestellt. Man kann dann nur mehr ratlos staunen, dass sich die Republik lieber einen Fehlbau um 54 Millionen leisten will, als eine ordentliche Lösung um 80. Vielleicht ist das auch nur typisch österreichisch.

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Donnerstag, 10. Jänner 2008

Doris

Liebe (Geistes)abwesende!

Nach einem Jahr fast ununterbrochener Arbeit stellte ich vorgestern meine Dissertation - liebevoll Doris genannt - endlich fertig: Dienstag, 8. Jänner, 16.43 Uhr - ein historisches Datum, zumindest für mich. Nachdem ich nun schon vier Jahre am Thema dran bin und ein Jahr lang intensiv darüber geschrieben habe, möchte ich mich nicht mehr mit dem Inhalt, sondern mit dem Drumherum beschäftigen. Also:

a) Was ist eigentlich eine Diss?
b) Wozu schreibt man sie?
c) Wie geht es einem dabei?

Die breite Öffentlichkeit scheint die Antworten zu kennen:

a) ein voll fades Hirngespinst, das keiner versteht und niemand lesen will
b) damit man einen Doktortitel als Ornament vor den eigenen Namen bekommt
c) man muss sich halt ein wenig reinhängen, denn aus nichts wird nichts

Ich möchte nun die Gelegenheit beim Schopf packen und meine eigenen Antworten geben.

a) Was ist eigentlich eine Diss?

Prinzipiell gibt es einmal einen Riesenunterschied zwischen den Fakultäten. Auf der Medizinischen bekommt man den Doktortitel ohne wissenschaftliche Eigenleistung als ersten akademischen Grad. Streng genommen sind alle Ärzte also Magister, die sich Doktoren nennen dürfen. Das ist so ähnlich wie bei den AHS-Lehrern, die mit Professor angesprochen werden obwohl sie natürlich auch Magister sind. Es gibt auch Disserationen im Bereich Medizin, aber diese sind, wie gesagt, nicht verpflichtend. Auf der Naturwissenschaftlichen steht man sehr lange im Labor, im Zoo, oder auf dem Berg, bis man genug Material beisammen hat, um die Ergebnisse einer längeren Untersuchung schriftlich und bildlich darzustellen. Die Zellkultur A lebt unter den Bedingungen C um ein Drittel länger als die Zellkultur B. Wie gibts das und welche Auswirkungen hat das auf die Altersforschung? Auf der Sozialwissenschaftlichen untermauert man eine Hypothese mit einer Statistik, die auf einer Umfrage basiert.

In der Literaturwissenschaft läuft der Hase aber ganz anders. Da liest man sich erst einmal über einen langen Zeitraum in ein Gebiet ein, das sowohl aus Primärtexten, der Literatur an sich, und Sekundärtexten, also kritischen Interpretationen, besteht. Dann sucht man sich einen Bereich, in dem noch nicht so viel gearbeitet wurde, und liest sich dort komplett ein, wenn es geht. Dann braucht man einen Ansatz, wie man an die Texte herangehen will. Egal ob dieser aus der eigenen oder einer anderen Disziplin kommt, wie zum Beispiel der Anthropologie in meinem Fall, man muss sich diese Leseart erst erarbeiten, was wiederum sehr viel Lesen bedeutet. Wenn man sich dann klar darüber ist, welche Texte man genau unter welchem Blickwinkel betrachten will, müsste man eigentlich sehr viel Material noch einmal lesen, um zu überprüfen, welche Teile, Argumente, Zitate nun genau zum eigenen Thema passen. Manchmal hat man insofern Glück, als man beim ersten Lesen schon genug angestrichen bzw. exzerpiert hat. In einem nächsten Schritt präsentiert man Teilergebnisse auf einer Konferenz um herauzufinden, was Kollegen von der eigenen Arbeit halten. Idealerweise fährt man zu einer großen Konferenz, wo man wichtige Vertreter aus dem eigenen Bereich kennenlernt, Kontakte knüpft, und sich Anregungen holt. Dann setzt man sich hin und beginnt zu schreiben. Im Gegensatz zu den Natur- oder Sozialwissenschaftlern liegen zu diesem Zeitpunkt nicht alle Ergebnisse vor. Man findet also erst beim Schreiben heraus, ob sich der Ansatz wirklich durchhalten lässt oder ob man ganze Teile der Arbeit völlig neu konzipieren muss. In den Geisteswissenschaften gibt es ja kein richtig oder falsch: im Wesentlichen leistet man Überzeugungsarbeit, dass der eigene Ansatz durchaus sinnvoll ist. Man muss auch höllisch aufpassen, um auf Kurs zu bleiben. In den Geisteswissenschaften gerät man ganz leicht in ein anderes Fahrwasser. Wenn alles halbwegs glatt läuft und man ein ganzes Jahr fast nichts anderes mehr tut, ist die Diss dann doch einmal fertig.

b) Wozu schreibt man sie?

Der eigentliche Sinn der Dissertation ist es, den eigenen Forschungsbereich substanziell weiterzubringen. Das geht aber nur, wenn man den oben beschriebenen mühevollen Weg auf sich nimmt. Man kann ja nur wissen, was im eigenen Bereich noch fehlt, wenn man alle Standardwerke gelesen und mit den wichtigsten Forschern geredet hat. Dazu braucht man noch einen Ansatz, der in dieser Form noch nicht da war.
Jedenfalls hatte ich den Anspruch all dem gerecht zu werden. Dies ist aber nur nötig, wenn man wissenschaftlich wirklich ernst genommen werden will und beruflich in diesem Bereich weiterarbeiten möchte. Es gehört auch noch das richtige Maß an Selbstüberschätzung und Größenwahn dazu. Erstere braucht man, um fest daran zu glauben, dass die Wissenschaft unheimlich von den eigenen Ideen profitieren wird. Zweiteren benötigt man für die Überzeugung, dass die anderen einsehen werden, dass sie auf dem falschen Dampfer waren und ab nun geläutert und bekehrt Anhänger des eigenen Ansatzes werden.
Der Dienst an der Wissenschaft geht also immer mit der Eitelkeit des Wissenschaftlers einher, der da meint als einziger die Sachlage wirklich zu verstehen. Eine andere Form der Eitelkeit besteht darin, völlig auf die Wissenschaft(lichkeit) zu pfeifen und möglichst irgendwie einen Doktortitel abzustauben. Mit möglichst wenig Aufwand ein Maximum an Profit herauszuholen gilt ja in unserer Gesellschaft als durchaus legitim und anerkennenswert. Der Gewinn besteht aber nicht in wissenschaftlicher Reputation bei den eigenen Kollegen, sondern bei der breiten Öffentlichkeit, die akademische Titel für Indikatoren herausragender Intelligenz und Leistung hält.
Ein wichtiger Motivationsfaktor war in meinem Fall auch der Wunsch an der Uni tätig zu bleiben, was eben nur mit Doktorat möglich ist. Die freie Zeiteinteilung, die große Abwechslung und die ständigen Herausforderungen gibt es nur in wenig anderen Berufen.

c) Wie geht es einem dabei?

Nun, man lebt mehr als ein Jahr in einer anderen Welt, die niemand wirklich versteht außer man selbst. Gleichzeitig kriegt man nicht mehr mit, was in der wirklichen Welt abgeht, weil man jeden, von der eigenen Freundin angefangen, auf unbestimmte Zeit vertröstet. Man werkelt an einer ganz wichtigen Botschaft an die Leserschaft bzw. die wissenschaftliche Community, während man selbst völlig zurückgezogen fast jeden Kontakt abgebrochen hat. Während man ganz fest daran glaubt, dass die Arbeit sich genau so entwickelt, wie es sein soll, verliert man völlig den Blick dafür, was der Leser eigentlich braucht. Liest jemand anderer ein Kapitel zur Probe und stellt bestimmte Mängel fest, verteidigt man die eigene Arbeit mit Zähnen und Klauen. Diese Kleingeister verstehen einfach die Brillianz des eigenen Arguments nicht! Ich kann mich nicht täuschen! Alles ist so, wie es sein soll! Leserfreundlichkeit kotzt mich an!

Jetzt, da alles vorbei ist und der Wahn ein Ende hat, sehe ich die Sache viel relaxter. Wenn die Diss in einem halben Jahr als Buch herauskommt und man noch einmal nachbessern kann (die Ideen und Anregungen der anderen sind gar nicht so blöd, wie man dachte), freut es mich, wenn jemand eine gute Idee darin findet, die er oder sie weiterverwenden kann. Mehr ist gar nicht mehr nötig.
Die Diss war die anstrengendste und aufwändigste Arbeit, die ich je gemacht habe. Im Moment bin ich einfach nur froh, dass sie endlich vorbei ist.

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Dienstag, 8. Mai 2007

Vanity Fair

Liebe Verunsicherte!

Kaum, dass jemand ein Mickey-Mouse Diplom der Uni Salzburg hat, schon scheint der Titel in allen nur erdenklichen Schriftstücken auf, von der E-Mail bis zum Handout für die eigenen Studienkollegen. Am Beginn eines jeden Gastvortrags muss man die fast obligatorische Litanei über sich ergehen lassen, in der der Veranstalter die großartigen Leistungen des Vortragenden in akribischer und hirnzermartender Detailverliebtheit runterbetet. Bei Fortbildungsveranstaltungen nimmt die Selbstbeweihräucherung mancher Vortragender kein Ende. Peinlich berührt wird man Zeuge, wie ein Auftritt bei den Regionalnachrichten SALZBURG HEUTE mit selbstgefälligem Grinsen und unverhohlenem Stolz präsentiert wird. Ein anderer streut ohne jeglichen Bezug die großen Errungenschaften seiner langjährigen Karriere ein: "Ich war ja maßgeblich an der Erstellung der Studienpläne für die Pädagogischen Akademien beteiligt." Oder: "Ich hatte ursprünglich Klavier studiert und wollte eigentlich professioneller Pianist werden, aber dann habe ich mich doch für den Bildungssektor entschieden." Manche Kollegen parken ihre teuren Autos direkt vor der Tür, damit auch ein jeder, der das Haus betreten will, fast zwangsläufig drüberstolpert. (Ist das Auto einmal in der Reparatur, wird der Leihwagen allerdings ordentlich auf einen abgelegenen Parkplatz gestellt.) Selbst bei Studentenfesten ist man nicht davor sicher, dass einem ein jeder reinwürgt, mit welchen Professoren er auf Du und Du ist, in welchen wichtigen Gremien er nicht drinnen sitzt, und was er nicht sonst noch alles im Leben erreicht hat.
Titel, Statussymbole, Connections, Geld, Aussehen und dergleichen mehr - jeder trägt am Jahrmarkt der Eitelkeiten seine (scheinbaren) Vorzüge zur Schau. Es ist also anzunehmen, dass sich die meisten Menschen davon beeindruckt zeigen und das Imponiergehabe nicht als peinlich empfinden.
Für mich ist Eitelkeit ein Zeichen von Unsicherheit oder zumindest ein Mittel diese vorübergehend zu überwinden. Anstatt direkt als Person zu wirken schiebe ich eine frühere Leistung als Schutzschild ein, das nach außen hin schön glänzt und hinter dem ich mich gleichzeitig verstecken kann.
Mit Kritik können die Eitlen nur sehr schwer umgehen, weil sie direkt dort trifft, wo sie die größte Schwäche zeigen: bei ihrem Selbstwertgefühl. Gegen harte, aber faire Kritik nützen die schön glänzenden Schutzschilde oft nur sehr wenig und es geht sofort auf die Substanz.
Ich habe, um es altmodisch auszudrücken, vor der Würde der Menschen sehr viel Respekt, aber nicht notwendigerweise vor Titeln, Statussymbolen, großen Auftritten und tollen Lebensläufen. Da bin ich immer besonders skeptisch, ob sich diese scheinbaren Lichtgestalten auch als Menschen bewähren. Ich glaube schon, dass man auf seine Leistungen stolz sein kann und darf, aber das ist eine Bestätigung für einen selbst und nicht ein Orden, den man jedem unter die Nase hält.

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Freitag, 27. Oktober 2006

Akademisches Nuscheln

Liebe Fachidioten!

Jede Wissenschaft hat zunehmend das Problem, dass man dem österreichischen Steuerzahler oft nur schwer vermitteln kann, warum sein Geld besonders gut bei einem selbst aufgehoben ist. Die Kollegen von den Naturwissenschaften und der Technik haben es da leichter: da versteht zwar auch keiner, was die eigentlich im Labor oder in der Bastelstube treiben, aber solange sie in Aussicht stellen, dass sie eine Heilung für Krebs oder noch leistungsfähigere Computer (er)finden, ist alles in Butter.
Die Geisteswissenschaften, die ohnehin einen viel höheren Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf haben (Wos mocht's es überhaupst?), scheitern oft kläglich daran ihre Inhalte nach außen zu transportieren. Und nicht nur das: Selbst bei Konferenzen, die ausschließlich von Insidern besucht werden, sitzt man oft im Publikum und denkt an den nächsten Urlaub, weil sich wieder einmal der Schutzschalter im zentralen Rechenzentrum umgelegt hat, der die graue Masse vor hirnzersetzender Langeweile oder mentalakrobatischen Hochseilakten schützt. Während man also von Strand und Palmen träumt, nuschelt ein Kollege eine halbe Stunde vor sich hin. Und damit meine ich nicht unbedingt eine Sprachstörung, sondern was die Engländer GOBBLEDYGOOK nennen: "a speech or statement, often in very official, formal language, which seems like nonsense to you because you cannot understand it at all".
Das ganze wird auch noch dadurch erschwert, dass viele Kollegen moderne Präsentationstechniken und unser Dasein im Elfenbeinturm für unvereinbar halten. Warum sollte ich extra einen mündlichen Vortrag schreiben, wenn ich gleich den fertigen Artikel runterleiern kann? Dass das Ohr mit einer Informationsdichte und Satzkomplexität schnell überfordert ist, die für das Auge normal sind, scheint da niemanden zu stören. Einige halten wahrscheinlich PowerPoint für den Verkaufsstand eines Energydrinkherstellers im Supermarkt. Und die, die schon einmal davon gehört haben, meinen ganz abschätzig, dass man die Komplexität ihres Arguments kaum auf das Niveau eines Mediums drücken könne, dass einen zu einer endlosen Folge von Schlagworten und Schlagzeilen zwingt. Man kann von PowerPoint halten, was man will, aber es deckt sofort auf, ob man sich mit aufgeblasenen Formulierungen über einen Mangel an Substanz hinwegtäuschen möchte. Wenn der eigene Vortrag in PowerPoint funktioniert, kann man getrost wieder auf die Technik verzichten: dann passt er nämlich auch so. Aus unerklärlichen Gründen schwirrt die Unverständlichkeit der eigenen Ausssagen noch immer als besonderes Qualitätsmerkmal in den Köpfen der Kollegen herum. Wer nicht verstanden wird, muss super g'scheit sein. Bullshit! Wer es nicht schafft seine Arbeit in verständlichem Deutsch so zu erklären, dass jeder durchschnittlich Intelligente dabei mitkommt, der sollte sich ernsthaft Sorgen machen. Und zwar nicht, dass alle anderen bekloppt sind, sondern dass er in seinem Denken eine Richtung eingeschlagen hat, die schon sehr weit weg ist. Eine Arbeit in den Geisteswissenschaften muss den Hausverstandstest schaffen! Wenn wir uns schon das Menschsein als Untersuchungsgegenstand ausgesucht haben, dann sollten doch zumindest die Betroffenen, also unsere lieben Mitmenschen, verstehen können, worum es geht. Sie zahlen ja auch schließlich dafür, dass ich mich damit beschäftige.

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Freitag, 20. Oktober 2006

The Summer Next Time

Liebe Herbstzeitlose!

Tja, im Herbst ist man schnell seine Zeit los. Kaum ist die Uni angelaufen, kommt man sich schon wieder wie der Hamster im Laufrad vor. Die ganze Woche ist mit Terminen zugepflastert und das wohlverdiente Wochenende ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Aus Studentenperspektive haben die Uni-Angestellten hingegen das Paradies auf Erden, denn "on paper, the academic life looks great."
Damit beschäftigte sich Tom Lutz kürzlich in einem sehr interessanten Artikel ("The Summer Next Time") in THE NEW YORK TIMES (4. September 2006). Zählt man nämlich die freien Tage, Wochen und Monate zusammen, dann steigen wir Unibediensteten noch viel besser aus als die freizeitverwöhnten Lehrer. Kennt man aber den Wissenschafts- und Lehrbetrieb von innen, dann stellt sich diese Annahme sehr schnell als Trugschluss heraus. "The Summer Next Time" ist nämlich eine ironische Anspielung auf die Standardantwort aller Unimitarbeiter, wann sie denn wieder einmal Zeit für irgendetwas hätten - und damit ist auch meistens Arbeit und nicht Freizeit gemeint. Dazu kommt noch, dass man bis auf die Toppositionen im Vergleich zur Privatwirtschaft schlecht verdient und jeder halbwegs begabte Handwerker mehr Geld scheffelt. Die Arbeit besteht darüber hinaus noch aus sehr viel Verwaltungskram und anderen Routinearbeiten. Was also ist dann so toll an unserem Job, dass viele mit an Bord wollen? Darauf hat Tom Lutz folgende Antwort:

"... we academics do have something few others possess in this postindustrial world: control over our own time. All the surveys point to this as the most common factor in job satisfaction. The jobs in which decisions are made and the pace set by machines provide the least satisfaction, while those, like mine, that foster at least the illusion of control provide the most. Left to our own devices, we seldom organize our time with 8-to-5 discipline."

Da hat der gute Mann völlig recht. Abgesehen davon, dass ich zu gewissen Zeiten bestimmte Dinge fertig haben muss, gibt es keine Verpflichtungen. Ob ich mich im Büro von 9 bis 12 oder am Samstag Abend von 20 bis 23 Uhr hinsetze, ist völlig egal. Ich arbeite unentgeltlich um 50 % mehr als im Vertrag steht, was unter anderen Umständen sofort ein Kündigungsgrund wäre. Da ich mir aber aussuchen kann, wann, wo und wie ich arbeite, hebt dieser Bonus alle anderen Bedenken auf. Wenn ich eine kreative Phase habe, arbeite ich zwei Tage durch und wenn es mich ein anderes Mal gar nicht freut, ist es auch egal. Ich muss nur über einen längeren Zeitraum verteilt gewisse Aufgaben lösen.

Tom Lutz schreibt, dass in der vorindustriellen Welt diese Arbeitsweise Standard war: "The pre-industrial world of agricultural and artisan labor was structured by what the historian E.P. Thompson calls 'alternative bouts of intense labor and of idleness wherever men were in control of their working lives.' Agricultural work was seasonal, interrupted by rain, forced into hyperactivity by the threat of rain, and determined by other uncontrollable natural processes." Dazwischen konnte man sich aber ausrasten.

Ich möchte also behaupten, dass ich insgesamt wesentlich mehr arbeite, als man gemeinhin annehmen könnte, aber all dies geschieht viel relaxter als bei Personen, die tatsächlich "nur" halbtags arbeiten, aber in dieser Zeit unter permanentem Druck stehen. Wenn man mich also irgendwo völlig entspannt herumsitzen, Tee trinken und plaudern sieht, dann sollte man nicht vergessen, dass das sehr viel Arbeit an anderen Tagen und zu anderen Zeiten bedeutet. Aber das bestimme ich eben selbst.

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Sonntag, 15. Mai 2005

Sie rollen wieder!

Liebe Heimatverbundene!

Der Donnerstag ist ein ganz besonderer Tag für mich. Da schließe ich meine Augen, lausche dem wohligen Rattern kleiner Plastikrädchen und fühle mich wie am Flughafen, wenn eine Gruppe Japaner mit ihrem Gepäck vorüberrollt, um im Duty Free Laden noch schnell 512 GB Speicherkarten für ihre fingernagelgroßen Kameras zu kaufen. Urlaubsstimmung pur!
Wem verdanke ich aber diese Flucht in den donnerstäglichen Tagtraum? Natürlich meinen lieben Landsleutinnen. Nach endlosen 72 Stunden in der Fremde beginnen die halb verhungerten Körper dieser leidgeprüften Studentinnen bereits in aller Herrgotts Früh voll freudiger Erwartung zu beben. Schon am Mittwoch hat man den modernen Flugreisekoffer gepackt oder sich die Arbeit erspart, indem man ihn wegen der Kürze des Aufenthalts erst gar nicht ausräumte. Dabei malt man sich im Kopf schon das große Wiedersehensfest aus, das da jede Woche aufs Neue zelebriert wird, wenn die geliebte Tochter, Schwester, Freundin aus der unwirtlichen Großstadt in den Schoß des Dorfes und der Familie zurückkehrt.
Um sich auch noch die halbe Stunde nach dem letzten Kurs zu sparen, die man sinnlos mit einer Rückkehr ins Studentenheim vergeuden würde, zieht man lieber einen Dreivierteltag lang einen beräderten Kasten hinter sich her, der dann adrett in Bussen, Hörsälen und Gängen vorübergehend geparkt, oder beschwingt durch größere Menschenmassen hindurchmanövriert wird. Um 14.30 Uhr ist man dann endlich von allen akademischen Drangsalierungen erlöst. Zwischen Ausgang und Bushaltestelle bildet sich dann in Windeseile eine rollende Landstraße, die der ÖBB Direktion vor Neid die Tränen in die Augen treiben würde. Apropos Tränen: Jene des Leids mischen sich im Zug mit jenen der Freude, wenn die geliebte Heimat beständig näher rückt. Die nicht vergehen wollenden Minuten schlägt man geschickt mit Telefonaten tot, die der Ankündigung des eigenen alsbaldigen Erscheinens dienen.
Vier Tage verbringt man dann im Paradies, um am Montag Nachmittag tränenüberströmt der am Bahnsteig versammelten Familie vom Zug aus zuzuwinken. Haltet mich nicht für einen herzlosen Menschen: Ich habe für Montag Nachmittag schon längst ein Stofftaschentuch besorgt, weil meine Tränen des Mitgefühls jede Papiervariante bis zur Unkenntlichkeit durchweichten.

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Mittwoch, 4. Mai 2005

Kaffeeautomat

Liebe Freunde der schwarzen Bohne!

45 Cent kostet ein Kaffee aus dem Automaten. Das klingt nach nicht viel, ist aber in Retrogeld 6,15 Schilling und summiert sich trotzdem im Laufe einer Woche. Ich persönlich trinke ja lieber Earl Grey Royal aus Demmers Teehaus in Wien. Auf der Packung steht da geschrieben: "Erstklassiger Ceylon-Tee mit Bergamotte-Aroma und Jasminblüten. Die Krönung aller Earl Greys". Das ist zwar gelogen, aber ich bin trotzdem süchtig nach dem Zeug.
Da Jean Luc Picard auf der Enterprise auch nur Earl Grey zu sich nahm / nehmen wird (Star Wars spielt wenigstens "vor langer, langer Zeit", aber Star Trek ist gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft. Für leidige zeitbezogene Debatten verweise ich hier lieber auf das Föderationsbüro für Temporale Investigation.), kann sich mein Geschmacksempfinden nicht fundamental irren. Sind dem guten Jean Luc durch den überzogenen Teekonsum eigentlich die Haare ausgefallen? Ich fürchte ich steuere mit diesem Blogeintrag auf eine klassische Themenverfehlung hin. Von Kaffee zu Tee zu Star Trek. Also zurück zum Anfang. Wie bei allen guten Drogen, wird auch hier nur in Gramm gedealt. 100 Gramm Earl Grey kosten 5 Euro. Wenn man sich von Twinings 50 Teebeutel zu je 2 Gramm kauft, zahlt man für dieselbe Menge mehr, dafür schmeckt der Tee schrecklich (disgusting, isn't it?). Apropos "disgusting": Ging's vor langer Zeit nicht mal um Automatenkaffee?
Ich hatte ja schon ein paar Mal das Vergnügen, den Kaffeeautomaten von innen bestaunen zu dürfen. Am ehesten sieht das wie das androide Innenleben von Bishop in den Alienfilmen aus: klebrige Plastikschläuche, durch die sich zähflüssige Brühen quälen. Oben ein paar Behälter mit Pulvermischungen, unten ein schwarzer Kübel, in dem alles zusammenläuft, das nicht den Weg in die kleinen Plastikbecher findet. Wie würde dieses Gebräu wohl schmecken? Wenn man nach der großen Party frühmorgens die Bar abschreitet, in ein leeres Glas ohne lange herumzufackeln alle Getränkereste kippt und sich mit Todesverachtung die Suppe reintrichtert, dann erlebt man vermutlich die selbe geschmackliche Explosion, eine Gaumenfreude, an die sich auch der Magen bis zu seinem Austritt erinnern wird.
Was die meisten Studenten natürlich nicht wissen ist, dass jeder Mitarbeiter mit Dienstantritt die geheimen Zahlenkombinationen für den Automaten erfährt. Während man als Assistent noch billigen Dallmayr Prodomo schlürfen muss, trinken die Professoren nur mehr handgepflückte kolumbianische Hochlandspezialmischungen. Damit sich die Fachbereiche dieses Service leisten können, werden die Studenten mit selbstgemachtem Kaffeepulver aus den NaWi-Labors vergiftet, für die sie auch noch heftig Geld einwerfen müssen. Damit das akademische Fussvolk nicht rebelliert, mischt man zur Sicherheit noch ein paar Tranquilizers rein. Das ist natürlich alles streng vertraulich und muss unter uns bleiben.

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