Dienstag, 29. Juli 2008

Die Jugend und der starke Mann

Liebe Journalisten!

Wenn mich etwas wirklich aufregt, dann ist es der Schwachsinn, den die Vertreter der schreibenden Zunft jeden Tag in diversen Printmedien verzapfen. Aber, man soll ja nicht auf das Niveau eben dieser sinken und einfach Behauptungen in die Welt setzen, sondern klare Beweise liefern. Deshalb folgt hier eine kommentierte Wiedergabe der Kolumne "Die Jugend und der starke Mann", die Inge Baldinger für die Wochenendausgabe der SALZBURGER NACHRICHTEN vom 12./13. Juli 2008 verfasste und die gut sichtbar auf der Titelseite in der Rubrik "Standpunkt" erschien.

"Für die Jugend der späten 60er Jahre muss es ein Schock sein. Sie ging für Freiheit auf die Barrikaden, sie stürzte Autoritäten von den Podesten. Und dann das. Ihre Kinder, nein, eher schon Enkelkinder halten Sicherheit und Wohlstand für wichtiger als Freiheit, ihr Ruf nach einer starken Hand im Staate wird immer lauter. Radikaler könnte eine gesellschaftspolitische Schubumkehr innerhalb von 40 Jahren Friede, Freude, Freizeit kaum ausfallen."

Der erste Satz ist gleich einmal grammatikalisch falsch: entweder muss es "Die Jugend der späten 60er Jahre würde geschockt sein" heißen, um die Zusammenführung von zwei Zeitebenen zu rechtfertigen, die 40 Jahre auseinanderliegen, oder "Für Personen, die in den 60ern jung waren, muss es ein Schock sein." Dann folgen gleich zwei Verallgemeinerungen, die so einfach nicht stimmen. Erstens ging nicht jeder Jugendliche in den 60ern als linksliberaler Aktivist demonstrieren, und, zweitens, schreit nicht jeder Jugendliche heutzutage nach der starken Hand. Und was soll am Wunsch nach Sicherheit und Wohlstand falsch sein? Atmen Sie gerne ein?

"Kein Wunder, dass die Autoren der neuesten Studie über die "Wertewelt" junger Menschen von einem "tief greifenden Transformierungsprozess" sprechen. Nur, dass er diesmal nicht laut und kämpferisch passiert, sondern Besorgnis erregend leise, ja fast resignativ. Natürlich probte die Jugend der 60er Jahre nicht kollektiv den Aufstand, natürlich umarmte die Jugend der 80er Jahre nicht geschlossen Bruder Baum - und natürlich liefern Studien über junge Menschen im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre, so breit und tief sie auch angelegt sein mögen, nur Schlaglichter. Sie fangen aber ein, wie der Geist der Zeit gerade weht."

Was jetzt? Glauben Sie, Inge Baldinger, an die heilige repräsentative Umfrage oder nicht? Und weil wir gerade dabei sind: Um welche Umfrage handelt es sich überhaupt? Wer gab sie in Auftrag? Welche Jugendlichen wurden befragt und wie viele? Welche Fragen wurden gestellt?

"Da zeigt sich: Die Grundstimmung der jungen Menschen, ihr Blick auf die Zukunft, ist nicht mehr bloß nüchtern, sie ist ernüchternd. Keine Rede von Unbeschwertheit oder auch nur Unbekümmertheit. Und weit und breit nichts, woran man sich reiben könnte - nicht einmal mehr an autoritären Eltern. Stattdessen eine Welt, die mit der Wucht völliger Unüberschaubarkeit schon ins Kinderzimmer drängt, eine Welt, in der alles, was Halt und Orientierung verspricht, alles, was gut und wichtig sein könnte, ständig bedroht scheint. Vom Freundeskreis bis zur Beziehung der Eltern, von den Menschenrechten bis zum Weltklima - diffuse Ängste und ein Gefühl der Ohnmacht."

Ist das jetzt das Ergebnis der Untersuchung oder Baldingers ureigene Interpretation? Worauf gründen diese Annahmen/Vermutungen/Verallgemeinerungen? Hat Baldinger selbst Kinder in dem Alter? Spricht Sie regelmäßig mit Jugendlichen?

"Katastrophal wird es dort, wo sich Diffuses zu Konkretem verdichtet. Wenn es stimmt, dass sich drei von vier 14- bis 24-Jährigen größte Sorgen machen, keine Arbeit zu finden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren, müssten alle Alarmglocken schrillen, müsste mit Zuwendung und ernst zu nehmenden Erklärungen reagiert, Mut gemacht und ganz klar vermittelt werden: Wir glauben an Euch."

Was ist das jetzt für eine scheinheilige Nummer? Die 40-60-jährigen, genau diese Alt-68er und die Generation danach, die damals für Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit angeblich auf die Straßen gingen, sind genau jene, die jetzt in den Vorstandsetagen sitzen, sich Berge von Geld zuschanzen und Mitarbeiter vor die Tür setzen, weil der Gewinn des Unternehmens unter die zweistellige Millionen Euro Marke zu fallen droht. Die Jugend soll sich zu Recht Sorgen machen, denn dieser kranke Zynismus ist wie ein Krebsgeschwür in den Hirnen dieser Altersgruppe weit verbreitet.

"Nur: Wo bleibt diese breite Zuwendung, die durchaus nicht bloße Familienangelegenheit ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ja Verpflichtung? Wo bleiben die notwendigen Erklärungen, die kritischen Debatten, die der Jugend das Gefühl geben könnten, wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein? Sie erschöpfen sich sehr schnell in Klagen über den Werteverlust, im Wunsch, der moralische Mensch möge vom Himmel fallen, und darin, Jugendliche mit 16 wählen zu lassen. Na toll."

Ja, irgendjemand muss schuld sein, also ist es naheliegend, dass es an der Gesamtgesellschaft liegt. Wir müssen nur alle mehr tun und wollen, dann wird das schon wieder irgendwie.

"Was bleibt derart vernachlässigten Jugendlichen in so einer Situation? Rückzug. Verweigerung. Oder dem ihre Stimme geben, der die einfachsten Lösungen verspricht und sie mit starker Hand durchsetzen will."

Aha. Die ganze Jugend ist also schwer vernachlässigt und wird demnächst irgendeinem Nazischweinehund die Stimme geben, weil der junge Mensch an sich sowieso zum Faschismus neigt, oder so. Und jetzt dürfen diese Deppen auch noch mit 16 Jahren wählen. Um Österreich ist es wirklich nicht gut bestellt, dachte sich Inge Baldinger und checkte noch schnell, ob ihre ÖMV Aktien gestiegen waren.

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Montag, 22. Oktober 2007

sex in der freizeit

Liebe Sexperten!

Als ich vor einem Monat aus dem Urlaub zurückflog, verteilte die nette Flugbegleiterin neben vielen weiteren illustren Printwerken auch die Wochenendausgabe des KURIERs. Also gleich mal die Hand hoch und ein Exemplar abgestaubt. Als innerste Lage befand sich in diesem beachtlichen Papierberg ein beigelegtes und auf Hochglanz gestyltes Lifestyle-Magazin namens FREIZEIT (Nr. 930, 29. September 2007), welches unglaublich stylisch und stilsicher den Style des frühen 21. Jahrhunderts einfing. Da werben nämlich nicht irgendwelche Firmen, sondern Hermès, Lancome und Vichy. Von der Popnymphe Rihanna bis zum bösen Mädchen Amy Winehouse geben sich hier alle angesagten Superstars ein Stell-dich-ein. Nur der MERKUR stört das ansonsten ungetrübte und kosmopolitisch orientierte Lesevergnügen mit seiner vulgären Darstellung einheimischer Kürbisse, von IGLO Rotkraut, Hirschsalami und Wildschweinschinken. Pfui gack!
Beim Durchblättern der hippen Hochglanzseiten stieß ich auf Gabriele Kuhns Kolumne "sex in der freizeit" (S. 58). Was auf den ersten Blick wie "Sex in der Freizeit" aussieht, ist in Wirklichkeit die Sexkolumne in der FREIZEIT. Na, das doppelbödige Wortspiel schon gecheckt? Ich habe auch Tränen gelacht, weil bei so urlustigen Ideen muss ich mir fast immer in die Hose wischeln vor lauter Lachen.
In dieser Ausgabe beschäftigte sich die Gabi mit ...

Kommen. Karotten. Und Kredite.
Orgasmusprobleme? Kein Thema für die moderne Frau von heute! Also hopp, ins Bett.

Also, das war ja nun wirklich eine tolle Sache! Als langjähriger Abonnent von COSMOPOLITAN und eingeschworener Fan der dazupassenden Fernsehserie SEX IN THE CITY war ich natürlich schon mit allen Facetten des Themas bestens vertraut. Wie für jeden vernünftigen und aufgeschlossenen Menschen des 21. Jahrhunderts ist natürlich auch für mich Sex das wichtigste Thema überhaupt, über das überall und ununterbrochen geredet werden soll. Deshalb liest man doch die COSMO, damit man sextechnisch vorne mit dabei ist: Was tun, damit er nicht schon beim sechsten Mal schlapp macht? Welche Intimpiercings machen dich und ihn so richtig geil? Wie verführe ich den besten Freund meines Freundes? Welcher Sextyp ist mein Hund? Welcher Dildo passt zu meinem Make-up? etc.
Aber dass sich die Gabi da so mir nichts dir nichts an dieses Thema heranwagt? Schließlich sind Österreicher als kleinkarierte Spiesser bekannt! Dann dachte ich mir, dass der KURIER immerhin in Wien verlegt wird, einer absoluten Weltmetropole, und da kann eine Journalistin im superaufgeklärten 21. Jahrhundert ruhig einmal über Karotten schreiben.
Alle Achtung, Gabi, wie du dich - ohne dir ein Blatt vor den Mund zu nehmen - ganz frei über das "Vögeln", wie du es nennst, schreiben traust:

"Orgasmus meine Damen? Von wegen Probleme! Nur kein Raunzen, weil es ist ja eigentlich eh alles voll easy. Schluss mit der Jammerei, dass das nix wird mit dem Tiger-Feeling im Becken. Positiv denken, positiv vögeln - aber hurtig. Wird ja höchste Zeit in Zeiten maximaler Vereinfachung - simplify your life, simplify your Koitus. Und wer's nicht kann, schnappt sich einen Ratgeber. Oder einen Coach. Oder eine von hundert Lifestyle-Gazetten. Aus denen purzeln die praktischen Kommen! schneller! besser!-Rezepte wie Gummibären aus dem Haribo-Sackerl: ein bisserl ein Schaumbad, vier bunte Duftkerzen, ein brunftig duftendes Massageöl von rauer Männerhand an probaten Stellen appliziert. Was nicht schaden kann: Der eine oder andere kundige Griff an die "Hot Spots" der Weibsen: Schleckerli hier, Beißerli da. Am Ohr, am Hals, im Nacken, an den Brustwarzen. Und sonst: Zwei, drei Gläser Perlwein, schamlippenfreundlicher Sound aus dem Ipod-Lautsprecher, schmutziger Smalltalk - und schon schnurrt der Genitalbereich wie ein Lamborghini. Das wird schon, Mädels. Weil: So einfach ist das.
Genauso einfach wie unser süßes Frauenleben an sich. Während wir nämlich am optimierten Orgasmusverhalten werkeln (Eintrag im BlackBerry: Beckenbodentraining checken!), schaukeln wir unser Dasein im Multitasking-Verfahren. Der angetraute Möchtegern-Bescherer unserer multiplesten aller multiplen Höhepunkte findet seine mittelgraublauen Socken nicht. Wir helfen. Auch das tiefblaugraue Hemd scheint in Verlust geraten. Wir suchen mit. Im gleichen Augenblick pieselt das Kind mit dem Nutella-Goscherl auf das Designer-Sofa. Wir wischen oben, wir wischen unten. Das Hemd ist da, der Mann ist weg, das Kind ist trocken. Der Chef wartet, das Handy läutet. Die Kindergärtnerin will mit uns über die Rezeptur der Karottenmuffins für das Erntedankfest plauschen. Da raunzt der BlackBerry - E-Mail. Der eheliche Orgasmus-Bescherer fragt an - Dringlichkeitsstufe ampelrot - wie die Termine fürs Wochenende aussähen. Es gäbe da eine legere Einladung zum Golfturnier. Antwort jetzt. Das Kind will will nicht ins Karottenmuffin-Reich, sondern lieber aus unserem Businesskostüm Fäden ziehen. Der nächste Patient am Ende der Handyleitung braucht den 8000-Zeichen-Text heute noch. Sofort! Verstanden? Verstanden. Achja, was die Kindertante noch sagen wollte: Blöd, aber die Kopfläuse sind wieder da. In der Apotheke stehen vier andere Mütter vor uns. Eine telefoniert und klaubt gleichzeitig das Geld für vier Kopflaus-Artillerien aus ihrem Börsel. Die andere kauft Hustensaft für die zwei Kinder, die soeben den Hansaplast-Ständer zum Karussell umfunktionieren. Sie niest. Wir niesen. Wir haben Husten, Schnupfen und Kreditverhandlungen am Hals. Das Kind kommt mit Kopfläusen nach Hause. Die Gäste kommen auch, der Hund hat allerdings den Braten gerochen und leider schon gefressen. Wir organisieren mit dem Handy den Pizzaservice. Die Gäste lachen, wir starren ein Luftloch in den Abend.
Auszug aus dem Orgasmus-Ratgeber - Neun von zehn Frauen sagen: "Damit ich erregt werde, muss die Stimmung passen.""

Welch herbe Enttäuschung! Hinter dem Sexluder Gabi Kuhn verbirgt sich auch nur ein Uschi Fellner Klon, also noch eine gefrustete Edelhausfrau, die um unser Mitleid winselt. Das Schicksal meint es auch wirklich hart mit manchen unter uns: Einfamilienhaus, Dinnerparties, Golfturniere am Wochenende, ein ganzes Kind, ein Hund, BlackBerry, Businesskostüme, etc. Wenn sie ein Spendenkonto hätte, würde ich sofort eine erhebliche Summe einzahlen. Arme Sau!

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Montag, 16. Juli 2007

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Liebe Vertrauensselige!

Ich muss mich natürlich sofort für meinen letzten BLOG Eintrag entschuldigen, in dem ich Ingrid Thurnher wegen ihrer Artikulationsschwierigkeiten und der Banalisierung der deutschen Sprache als ungeeignet empfand, die Hauptnachrichten zu moderieren. In der großen ÖSTERREICH Exklusiv-Umfrage der gestrigen Ausgabe (Sonntag, 15. Juli 2007) wurde sie auf Platz 4 der vertrauenswürdigsten ÖsterreicherInnen gewählt. Hier die Rangliste:

1. Hugo Portisch (79 Punkte)
2. Heinz Fischer (78 Punkte)
3. Franz Klammer (64 Punkte)
4. Ingrid Thurnher (62 Punkte)
5. Armin Assinger (62 Punkte)
6. Christiane Hörbiger (57 Punkte)
7. Helmut Zilk (53 Punkte)
8. Danielle Spera (52 Punkte)
9. Willi Resetarits (43 Punkte)
10. Anna Netrebko / Markus Rogan (39 Punkte)
12. Barbara Stöckl (31 Punkte)
13. Wolfgang Ambros (29 Punkte)
14. Udo Jürgens (23 Punkte)
15. Harald Serafin (22 Punkte)
16. Josef Hickersberger (21 Punkte)
17. Erwin Buchinger (20 Punkte)
18. Alfons Haider (19 Punkte)
19. Gerda Rogers (19 Punkte)
20. Didi Mateschitz (18 Punkte)
25. Christina Stürmer / Armin Wolf (14 Punkte)
30. Alfred Gusenbauer (7 Punkte)
31. Alexander Van der Bellen (4 Punkte)

Das ist unglaublich! Ihr Kollege Armin Wolf muss sich Platz 25 mit Christl Stürmer teilen, ganze 6 Plätze hinter Chefastrologin Gerda Rogers. Also nochmals: Entschuldigung, Frau Thurnher! Ich gebe nun auch zu, dass ich mich von meiner heimlichen Verehrung für Anne Will habe blenden lassen.
Man muss die ganze Sache natürlich auch in Relation sehen. Im Vergleich zu anderen Promi-Journalistinnen ist Ingrid Thurnher eine wahre Lichtgestalt am Publizistikhimmel. Um ihre Sprachgewandtheit und intellektuelle Überlegenheit hervorzuheben, zitiere ich nun wortwörtlich Uschi Fellners letzte Kolumne aus der Life&Style Beilage der gestrigen ÖSTERREICH Ausgabe:

SPAGHETTI ALS SINN DES LEBENS
Und was kochen Sie eigentlich immer?

Jeder hat im Leben seine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen, meine besteht darin, Spaghetti zu kochen. Wöchentlich, täglich, stündlich. Große Mengen, riesige Mengen, Berge, Täler, Ozeane voll Spaghetti. Man könnte das wahrscheinlich mit Starkstrom oder so therapieren, es würde aber nicht viel nützen. Nach der Spaghetti-Therapie würde ich den nächsten Herd anpeilen und, na, Sie wissen schon was kochen.
Mein Irrsinn hat natürlich einen ernsten Hintergrund, denn stelle ich an meine Kinderschar die Frage: "Was wollt ihr heute, morgen, nächste Woche, nächstes Jahr, am 3.3.3003 und bis zum jüngsten Tage essen?", ruft die Sippe froh im Chor: "Schpagetti, Schpagetti, Schpagetti!" Ich müsste selbstverständlich gar nicht fragen. Könnte wortlos heimkommen, Spaghetti kochen und mich still wieder vertschüssen, unter Hinterlassung einer Monatsration.
Kürzlich träumte ich von riesigen Spaghetti, die mich umschlangen und zerdrückten, und ich wurde immer kleiner und verzagter und zerfiel zu Kompost. Und aus meinen Überresten wuchs ein prächtiger Spaghetti-Baum, und meine Kinder pflückten von mir täglich die Spaghetti ab und rieben sich die Bäuche.
Am nächsten Tag kochte ich zur Abwechslung etwas mit wertvollen Vitaminen und Inhaltsstoffen, ich hackte und briet und rührte und schnitt und schepperte mit einem Dutzend Töpfen und als ich die gesunde Kost beisammen hatte, waren die Kinder schon gegangen um sich an der nächsten Ecke Spaghetti zu bestellen. Und so weinte ich allein in meine Petersilien-Laibchen, ich weinte um die Zukunft meiner Sippe, denn es ist ein unschönes Gefühl zu wissen, dass sie demnächst an Skorbut zugrunde gehen wird.

In dieser Kolumne ist nur ein einziger Satz von Bedeutung: "Mein Irrsinn hat natürlich einen ernsten Hintergrund." Es fällt einem ja oft schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen, weil sich so viel Schrott hinter einer strahlenden Oberfläche verbirgt, aber in diesem Fall ist es ein Kinderspiel. Hier handelt es sich nämlich um Spreu nach dem Einsatz, wenn eine ganze Rinderherde in Stallhaltung eine Woche lang hemmungslos draufscheisst. Ich möchte aber mit Argumenten und nicht mit Pauschalurteilen punkten:

1) Die Witze sind grottenschlecht. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich genetisch nicht dazu im Stande bin, Frauenhumor zu verstehen. (Siehe meinen Eintrag vom 6. November 2006.)
2) Die Anbiederung an eine imaginäre Schwesternschaft aller Frauen finde ich zum Kotzen. Uschi Fellner stylt sich hier als Parademutter, die sich für ihre Kinder aufopfert. Jede Frau kennt anscheinend genau diese Situation und findet sie deshalb so unglaublich witzig und relevant: "Die Uschi hat ja so recht. Mein kleiner Maxi will auch nur Spaghetti und Schokolade essen. Und die Idee mit dem Spaghetti-Baum ist sowieso urlustig."
3) Das sprachliche Niveau ist unter jedem Hund. Scheinbar soll diese Banalisierung zum humoristischen Gesamtkunstwerk beitragen, aber ... siehe Punkt 1).

"Mein Irrsinn hat natürlich einen ernsten Hintergrund." Ich finde es ja gut, dass in modernen Therapieformen die Patienten sofort wieder in den Arbeitsprozess eingebunden werden, aber muss eine geistig verwirrte Journalistin tatsächlich wieder schreiben? Also, Hut ab, Frau Thurnher, und weiter so. Da sehe ich mir liebend gerne ihren täglichen sprachlichen Hürdenlauf als sportliches Großereignis im Fernsehen an.

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Donnerstag, 12. Juli 2007

ORF

Liebe Fernseher!

Zuerst kam der Countdown: Dieses Fernsehsignal wird in 6 Tagen, 18 Stunden, 13 Minuten und 57 Sekunden abgestellt. Ab dann können sie ORF 1, ORF 2 und ATV nur mehr mit einer DVD-BMW-BT-SUPER-TRÄTERÄTÄTÄ BOX empfangen. 6 Tage, 18 Stunden, 13 Minuten und 50 Sekunden später war der ORF tatsächlich weg.
Obwohl ich natürlich wusste, dass sie auch ohne meine geteilte Aufmerksamkeit schamlos weitersenden würden, hatte die Einstellung des Signals etwas Beruhigendes. Irgendwie vermittelte mir der nun gänzlich blaue Bildschirm das Gefühl, dass Dr. Alexander Wrabetz nicht nur die Konsequenzen aus seiner groß angekündigten und völlig fehlgeschlagenen Reform zog, sondern auch den Stecker aus der Dose.
Seit Jahren schon kränkelt die Programmgestaltung in einem Ausmaß, dass einem schlecht werden könnte. Hier nur ein kleiner Ausschnitt, was heute so läuft:

SZENE

ACHTUNG, AFFEN AN BORD!
Schlechte Autofahrer treffen auf gute Musiker. szene stellt Engländer vor, die scheinbar alles richtig machen und Österreicher, die sich unbedingt verbessern sollten.

DIE BARBARA KARLICH SHOW

MEINE PROBLEME LÖST NUR MEINE WAHRSAGERIN

HEUTE IN ÖSTERREICH

Familientragödie Babyleichen Eurofighter Hund erschossen Megastau Hias-Begräbnis Ambros CD Gefährliche Trampoline Erfolg für U 20 Feuerwehrauto wird versteigert Königin Sirikit in Fuschl

LIEBESG'SCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN

Kurt, 47 Jahre, Kleinmagazineur aus Linz, ist eine "original, unberührte männliche Jungfrau – ein Topstück". Er hofft, durch die Sendung eine "Sonnenelfe zu finden, welche vermag, diesen Umstand zu ändern".

THE SCORPION KING

Der Arkadier Mathayus wird mit seinem Bruder angeheuert, den Despoten Memnon zu töten. Mit der Entführung der einflussreichen Seherin Cassandra hoffen sie, den finsteren Herrscher entscheidend zu schwächen. Deren Geschick und deren Reizen sind bereits zahlreiche Helden des unterdrückten Volkes zum Opfer gefallen. Als sich Cassandra in Mathayus' Gewalt befindet, kommt es vor den antiken Mauern von Gomorrah zur entscheidenden Schlacht gegen das von Thorak angeführte Heer.

Wer bis drei zählen kann oder Deutsch als Muttersprache spricht ist hier schon hoffnungslos verloren. Das trifft leider oft auch auf die ZIB zu, wo sich eine Ingrid Thurnher ständig verspricht, obwohl die Texte für ein Massenpublikum zugeschnitten und somit grammatisch entschärft sind. Wenn man sich Thurnhers offizielle ORF Biografie durchliest, kann man fast vom Austrian Dream sprechen:

Ingrid Thurnher besuchte nach einem abgebrochenen Publizistik- und Theaterwissenschaftsstudium das Schubertseminar.
Nach einem Sprechertest 1985, bei dem sie unter die ersten drei kam [gleich nach Karl Moik und Hias], begann sie ihre Tätigkeit beim ORF. Sie arbeitete vorerst als TV-Ansagerin und war von 1986 bis 1991 als Redakteurin im Landesstudio Niederösterreich im Akuellen Dienst beschäftigt. Weiters moderierte sie "Land und Leute", "Österreich-Bild", "Österreich heute" und "Niederösterreich heute".
1991 bis 1994 war die gebürtige Bludenzerin als Redakteurin der Innenpolitik tätig, bevor sie zur "ZiB 2" wechselte und diese seit 1995 präsentiert.

Wenn nicht ARTE, 3SAT und das Minderheitenprogramm des ORF ab 23 Uhr wären, könnte man auf Fernsehen generell verzichten. Im Moment verhält sich Ö3 zu ORF 1 wie DIE GANZE WOCHE zu NEWS. Dabei stört nicht einmal so sehr die Banalisierung des Programms, sondern die Ideenlosigkeit und Frechheit noch immer irgendeinen Bildungsauftrag als öffentlich-rechtlicher Sender vorzugaukeln. Sollen eben den ganzen Tag die SIMPSONS und MALCOLM MITTENDRIN laufen. Dann kann man wenigstens hunderte überbezahlte ORF Mitarbeiter entlassen.

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Sonntag, 18. September 2005

Zwiebelfisch

Liebe Puristen und Stylepolizisten!

Vielleicht renne ich mit diesem Eintrag wieder offene Türen ein, aber es schadet ja nicht, wenn man die werte Leserschaft an eine kleine Sensation in der deutschsprachigen Internetszene erinnert. Bastian Sick hat sich vom kleinen Spiegel Online Kolumnisten zum Guru der deutschen Sprache gemausert. In seiner Kolumne "Zwiebelfisch" nimmt er sich der grey areas unserer geliebten Muttersprache an, wo selbst diejenigen unter uns, die in der Schule noch Deutsch hatten, schnell mal in puncto Orthografie oder Grammatik in Verlegenheit kommen.

http://www.spiegel.de/zwiebelfisch

Die erste Auswahl seiner Texte, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, ging alleine in Deutschland fünf Milliarden Mal über die Ladentische.



Im August ist bei KiWi der zweie Band erschienen und hält sich, wie sein Vorgänger vor einem Jahr, seit Wochen in den Top Ten aller Sachbuchcharts. Während einige Bastian Sick als oberlehrerhaften Dudenverfechter und Sprachpuristen kritisieren, steht meiner Meinung nach das Schmunzeln über eigene und fremde Fehler im Vordergrund. Ich möchte nur ein paar Beispiele anführen, die ich für besonders lustig halte:

1) Die Rheinische Verlaufsform

"Es gibt in der deutschen Sprache so manches, was es offiziell gar nicht gibt. Die sogenannte Rheinische Verlaufsform zum Beispiel. Die hat weniger mit dem Verlauf des Rheins zu tun, dafür umso mehr mit Grammatik. Vater ist das Auto am Reparieren, Mutter ist die Stube am Saugen. Und der Papst war wochenlang im Sterben am Liegen."

2) Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

"Der Genitiv gerät zusehends aus der Mode. Viele sind ihn überdrüssig. Dennoch hat er in unserer Sprache seinen Platz und seine Berechtigung. Es kann daher nicht schaden, sich seinem korrekten Gebrauch zu erinnern. Sonst wird man dem Problem irgendwann nicht mehr Herr und kann dem zweiten Fall nur noch wehmütig gedenken."

3) Die Sauna ist angeschalten!

"Es gibt Dinge, die gibt's einfach nicht. Zum Beispiel Verbformen, die völlig sonderbar klingen. Man meint, sich verhören zu haben, und muss erkennen: Man hat richtig gehört! Da ist von Kindern die Rede, die genaschen haben, und von Häusern, die angemalen worden sind. Unsere Sprache wird täglich neu gestalten."

4) Das Ultra-Perfekt

"Da wühlt sich Erika durch Berge von Unterwäsche, zaubert einen XXXL-Herrenschlüpfer hervor und sagt zu ihrer Freundin: "Guck mal, Heidi, ist das nicht was für deinen Werner?" - "Lass mal", sagt Heidi, "Unterhosen hab ich schon im Katalog bestellt gehabt." - "Ach ja", sagt Erika, "das hab ich mir fast schon gedacht gehabt." [...] Gedacht gehabt, gesagt gehabt - erst das Ultra-Perfekt macht das Perfekt wirklich perfekt."

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Mittwoch, 15. Juni 2005

The Medium is the Message

Liebe Medienfans!

Marshall McLuhan gilt noch immer als einer der großen Propheten des Medienzeitalters. In den 60er Jahren wurde er kultisch verehrt und seine Bücher werden bis heute immer wieder neu aufgelegt. Routledge, ein renommierter Londoner Universitätsverlag, hat vor kurzem McLuhan's "Understanding Media" (1964) in seiner Klassikerreihe des 20. Jahrhunderts rausgebracht, wo sich sonst nur die ganz Großen ein Stelldichein geben: Einstein, Foucault, Freud, Piaget, Sartre, oder Wittgenstein. Überraschenderweise läßt sich seine gesamte Theorie in einem einzigen Satz ausdrücken: "The Medium is the Message." Für eine sinnvolle Erklärung werde ich allerdings etwas mehr als 5 Worte benötigen.
McLuhan geht zuerst einmal davon aus, dass ein Medium jegliches Hilfsmittel ist, das unseren Aktions- und Erfahrungsradius erweitert. Da gehört ein Presslufthammer genau so dazu wie ein Buch. Der Einfachheit halber beschränkt er sich aber meistens auf Kommunikationsmedien. Bei diesen stellt er fest, dass die eigentliche Botschaft (z.B. der Inhalt eines Buches) gesamtgesellschaftlich gesehen keine Bedeutung hat. Viel entscheidender ist, wie das Medium an sich die Gesellschaft verändert. Die "Message" des Buchdrucks (oder der Gutenberg-Technologie, wie McLuhan sie nennt) ist eben gerade nicht die Bibel, Shakespeare's Plays oder Dieter Bohlens Autobiografie, sondern die Notwendigkeit Realität in kleinste Sinn- und Erlebniseinheiten zu zerlegen, die dann in langen verknüpften Kausalketten abgehandelt werden. Diese Zerstückelung unserer Erfahrungswelt spiegelt sich nun in allen unseren Lebensbereichen wieder: das Fließband, die Bauanleitung eines Ikeakastens, die Organisation einer Powerpointpräsentation, ein Kochrezept, Harry Potter Teil 6, ein Aufsatz über die Ursachen des 2. Weltkriegs - sie alle basieren auf dem selben Grundprinzip von Fragmentierung und Sequenzierung. Gutenbergtechnologie kostet sehr viel Zeit, weil sie die Gleichzeitigkeit der Erfahrungswelt in endlose Ketten von Einzelaspekten zerlegt. Die beiden Grundfertigkeiten, die man für die (De)kodierung dieses Systems beherrschen muss, sind Lesen und Schreiben.
Bei der Gleichzeitigkeit der Erfahrungswelt hakt McLuhan ein. Nach Jahrhunderten der Fragmentierung und Spezialisierung hat unsere Technologie, die noch immer auf Gutenberg basiert (der binäre Code der Computer) einen Level erreicht, der mittel- bis langfristig die Fundamente unseres Systems erschüttern wird. Die Rede ist von der Instantgesellschaft. In unserer umtriebigen Zeit werden Ruhe, Geduld, Konsequenz und Fokus, die einem Lesen und Schreiben abverlangen, immer mehr als Bürde gesehen. Die neuen Medien erlauben nach Jahrhunderten wieder eine Gleichzeitigkeit des Erlebens. "Multitasking" und "Instant" sind die großen Zauberworte. Alles muss schnell und gleichzeitig gehen. Das Internet erlaubt unmittelbaren Austausch mit der ganzen Welt und wer nicht ständig online ist, fühlt sich von der "wirklichen" Welt abgeschnitten. Wie sagte Botho Strauß nochmal so schön: "Das Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche. Im herdlosen Raum wächst nun das Fernweh nach vertrauten Verhältnissen."
Die wahre Tragödie besteht aber darin, dass wir restlos überfordert sind. Der Zwang im global village zu leben führt dazu, dass wir weder dort noch hier zu Hause sind. Die Wahlmöglichkeiten explodieren, während die Entschlussfreudigkeit dramatisch sinkt. Die Vielfalt und Gleichzeitigkeit des Angebots suggerieren, dass unsere momentane Lebenssituation inadäquat ist und wesentlich bessere Umstände irgendwo da draussen auf uns warten. Das Leben im Transit (auf der Überholspur) wird schnell zum LOST IN TRANSLATION.
Deshalb möchte ich mit einem weiteren Satz von Botho Strauß schließen, den ich schon an anderer Stelle zum Besten gab: "Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung."

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Donnerstag, 26. Mai 2005

Arschgeweih

Liebe Bauchfreimodenbenutzerinnen!

Aus aktuellem Anlass unterbrechen wir unser Programm und senden einen Artikel der ZEIT aus dem Vorjahr:

Rückansicht

Vor einigen Tagen habe ich beim Zeitunglesen ein neues deutsches Wort gelernt. Es klingt jetzt erst mal ein bisschen vulgär. Ich vermute, dass dieses Wort noch niemals in der ZEIT gestanden hat. Es lautet: Arschgeweih. Es gehört zum modernen Leben von heute dazu. Ich setze mich momentan geistig damit auseinander.

Als Arschgeweih werden in der Umgangssprache Tätowierungen knapp über dem Steißbein bezeichnet. Sie sind in der Regel geschwungen wie Flügel oder verschnörkelt wie die Geweihe größerer Huftiere.

Der Fachpresse habe ich entnommen, dass eine Tätowierung in der Vertikalen mindestens doppelt so lang sein muss wie in der Horizontalen und annähernd Kreuzform besitzen sollte. Nur dann handelt es sich nach den Regeln des Bundesverbandes der Gesäß- und Schenkeltätowierer um ein deutsches Arschgeweih im klassischen Sinn. Alles andere seien Scheinarschgeweihe oder gar Arschgeweihimitate aus Billiglohnländern.

Die traditionellen geschlechtlichen Rollenmodelle gelten in vielerlei Hinsicht als überwunden. Das Tragen von Arschgeweihen aber ist in unserer Gesellschaft immer noch weitgehend Frauensache. Das Geweih gilt als ästhetische Folgeerscheinung der Bauchfreimode. Wenn man nämlich vorne den Bauch frei lässt, bleibt nach den Gesetzen der Natur auch hinten der Rücken frei. Vorne in den Bauchnabel kommt bei der Bauchfreimodenbenutzerin als Highlight in der Regel ein Piercing hinein. Hinten sitzt als Backhighlight das Geweih.

Nach meiner Beobachtung haben solche Geweihe neben ihrer schmückenden und ihrer sexuell anregenden Funktion auch die Aufgabe, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zu signalisieren, ähnlich wie die Gesichtstätowierungen von Kriegern bei Naturvölkern. Wer zum Beispiel eine Soziologieprofessorin oder eine Ethnologin entkleidet, wird in der Endphase des Entkleidungsvorgangs nur in den seltensten Fällen auf geweihartige Fundstücke stoßen. Ganz anders sehen die Chancen aus, wenn es zur Entkleidung einer Auszubildenden im Friseurhandwerk kommt oder der aktuellen Freundin von Oliver Kahn.

Die Geweihträgerin bekennt sich, vereinfacht gesprochen, zu einer dezidiert antiakademischen und mehr praktisch orientierten Lebensweise. Sie verweigert sich dem permanenten Weiterbildungs- und Theoriedruck der Moderne. Geistesgeschichtlich gesehen, gehört das Arschgeweih also in den Kontext der Globalisierungskritik.

Jäger sammeln Geweihe. Deswegen liegt die Vermutung nahe, dass es im Männermilieu inzwischen einen neuen Typus von Geweihsammlungen gibt. Man muss die Geweihe bloß unauffällig fotografieren. Man könnte sie rahmen und aufhängen oder die Fotos in Alben kleben, die man bei Herrenabenden gemeinsam betrachtet oder tauscht.

Bei meinen Recherchen im Internet aber habe ich nichts dergleichen entdeckt. Stattdessen wird, wer den Begriff eingibt, auf eine Seite geleitet, wo bärtige Rockertypen T-Shirts mit dem Aufdruck »Keine Macht dem Arschgeweih« anbieten. Das A. scheint speziell bei Rockern extrem angst- und unlustbesetzt zu sein. Vielleicht sind es Sexualängste. Aber mit Rockern kenne ich mich nicht so aus.

(c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23

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Dienstag, 10. Mai 2005

Wollt ihr das totale Engineering?

Liebe Systemkritiker!

Als ich im Winter 2000 5 Monate in Granada studierte und im Übersetzungskurs Artikel aus der ZEIT ins Spanische übertragen musste, stolperte ich in der Ausgabe 52/2000 über einen Aufsatz von Botho Strauß mit dem Titel "Wollt ihr das totale Engineering", von dem ich mich auf eine ganz außergewöhnliche Art und Weise angesprochen fühlte. Man könnte sagen, dass ich Strauß eine Zeit lang fast religiös verehrte. Er ist ein kompromissloser Verfechter der Hochkultur, der nichts als Verachtung für unsere Zeit übrig hat und das Außenseiterdasein als Flucht vor dem Wahnsinn der breiten Masse zelebriert. Obwohl ich heute nicht alles unterschreiben würde, was der gute Mann so von sich gibt, steht trotzdem zweifellos fest, dass er entscheidend zu einem Richtungswechsel in meinem ganzen Denken beigetragen hat. Und da soll noch einer behaupten, dass Literatur nichts bewirkt! Ich möchte einfach ein paar Zitate wiedergeben, die ich persönlich für total genial halte. Man muss sich halt die Mühe machen, die Sätze länger zu bedenken. Ihr könnt ja dann gerne euren Senf dazu geben:

Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung.

Der artifizielle Mensch hat die Welt der Artefakte hinter sich gelassen. Ein Künstlicher braucht keine Kunst zu schaffen. Seine Werke könnten ihm niemals mehr zurückgeben, als er ist. Großartig ist seine Hinterlassenschaft, sie ehrt den Davongezogenen.

Das Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche. Im herdlosen Raum wächst nun das Fernweh nach vertrauten Verhältnissen.

Die amusische Intelligenz hat seit je einen großen Bedarf an Fremdbestimmung.

Das Gefühl des Scheiterns, zu tief verschüttet unter den Trümmern des Gelingens.

Das Fehlen jeglicher Abschiedsstimmung zeigt an, wie wenig wir noch spüren von dem, was wir nicht mehr sind.

Wir erleben jetzt die Stunde, die niemals kommt. Die Entwurfserfahrung ist der eigentlich virtuelle Gehalt der neuen Technik. Früher war, was der Fall ist. Heute ist, was wird.

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