Mittwoch, 1. April 2009

Omas Softpornos

Liebe Krimifans!

Ja, auch ich stehe dazu mit schlüpfrigen Schlagzeilen Quote zu machen. Worum es mir heute geht ist die Tatsache, dass sich die Omas der Nation bevorzugt Banalromanzen (Rosamunde Pilcher etc.) und Krimiserien (Derrick, Columbo, Tatort etc.) ansehen. Die erste interessante Frage ist dabei: Was haben diese beiden Genres eigentlich gemeinsam, dass sie die selbe Zielgruppe ansprechen?
Obwohl Romanze und Detektivgeschichte oberflächlich sehr unterschiedlich sein können, entsprechen sie sich ideologisch punktgenau. Beide vermitteln eine konservative Weltordnung, die zwar vorübergehend gestört, am Ende aber immer wiederhergestellt wird. Die dahinterstehende Logik und Struktur ist dabei nicht wesentlich von der Kindergeschichte oder dem Märchen zu unterscheiden, die mit denselben Parametern operieren: der dunkle Wald, die Hexe, die böse Stiefmutter, der grausame Herrscher etc. bringen die schöne Ordnung vorübergehend durcheinander, aber am Ende passt alles wieder. Wenn es zu wild wird, fragen Kinder auch einmal nach: "Die Geschichte geht aber schon gut aus, oder?" Das Böse darf nämlich nur ein bisschen und nur vorrübergehend böse sein und muss am Ende den Triumph des Guten gesenkten Hauptes akzeptieren oder sogar - plötzlich bekehrt - sich diesem anschließen.

Das "Böse" in den Kindergeschichten für Erwachsene ist immer ein Bruch der christlichen Tugenden. Er muss einerseits abartig genug sein, um zu erschrecken, andererseits aber harmlos und leicht wieder unter Kontrolle zu bringen. Da aber die Sünde irgendwie doch spannend ist, musste sich schon der alternde Derrick jede zweite Folge in irgendwelchen Spelunken herumtreiben, wo mäßig begabte Schauspielerinnen verruchte Nutten darstellten und den armen Mann anbaggerten. "Harry, manchmal hasse ich meinen Job!"

An Sex und Violence darf sich die spießige Mittelschicht nämlich nicht direkt erfreuen, sondern muss immer den Anstand in Form eines Detektivs wahren. Der Einblick ins Rotlichtmilieu und in die 'Abgründe' der Menschheit - jedenfalls so, wie sich die Oma das vorstellt - ist immer spannend, so wie der erste Blick des pubertierenden Teenagers in den Playboy: ein bisschen nackte Haut, ein bisschen heimlicher Sex, ein bisschen Gift in den Cocktail, ein bisschen Schlägerei - alles darf in der Intention böse, und muss in der Darstellung harmlos sein.

In diesem Sinn besteht für mich wenig Unterschied zwischen den eigentlich Softpornos, die nur der Papa spät abends anschaut, wenn die Mama schon im Bett ist, und den noch softeren Varianten im Hauptabendprogramm, die beide schauen dürfen. Immer ist es ein Spiel mit den Grenzen, die vorübergehend überschritten werden. Wenn aber einmal ein Regisseur sich erdreistet und einen Schauspieler seinen Pimmel in die Kamera halten lässt, dann bricht die Welt zusammen. Dann formieren sich die christlichen Fundamentalisten und verdammen derartige Perversionen. Aber genau genommen ist es oft nur eine explizite Darstellung dessen, was sie sich sowieso täglich reinziehen. Also: andeuten darf man vieles, zeigen aber nur weniges.

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Dienstag, 24. Februar 2009

The 'CSI EFFECT'

Liebe Gerichtsmediziner!

Bereits im Mai 2005 habe ich mich mit dem Phänomen CSI näher auseinandergesetzt, wobei es mir vor allem darum ging, die generelle Hirnrissigkeit der Serie aufzuzeigen:
http://obstgarten.blogspot.com/2005/05/csi-miami.html
Heute steht aber ein ganz bestimmter Teilaspekt der Serie im Vordergrund, nämlich der CSI Effekt. Eigentlich ist die ganze Angelegenheit so lächerlich, dass man gar nicht weiß, was man sagen und wo man beginnen soll. Also zuerst die Fakten: Obwohl CSI so viel mit Gerichtsmedizin zu tun hat wie STAR TREK mit Weltraumfahrt, ... okay, das war jetzt nicht fair: Obwohl der Umgang mit Gerichtsmedizin in CSI die Technik in STAR TREK als greifbare Errungenschaft erscheinen läßt, glauben die amerikanischen Fernsehzuseher, dass hier ein realistisches Bild des Polizeialltags vermittelt wird. Das wäre an sich noch nicht so schlimm, denn die Amerikaner glauben so manchen Scheiß und CSI ist noch einer der harmloseren Irrtümer.
Nun ist es aber so, dass der amerikanische Staatsbürger nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat, und dazu gehört neben dem Steuerzahlen auch sein Einsatz als Geschworener. Seit drei Jahren häuft sich nun der Verdacht, dass die Geschworenen zunehmend ihre bei CSI erworbenen Fähigkeiten und Einsichten auf die reale Welt anwenden. STAR TREK ist als Science Fiction/Fantasy Serie als Bezugspunkt aus dem Rennen, und niemand würde im Gerichtssaal Beamen als mögliche Erklärung für das spurenlose Eindringen des Täters in Erwägung ziehen. Da aber CSI so super realistisch ist und die Drehbücher ausnahmsweise nicht von Autoren, sondern von echten Gerichtsmedizinern geschrieben werden, stimmt natürlich alles, was da so als Errungenschaften der modernen Technik und Chemie vorgeführt wird. Geschworene zeigen sich zunehmend erstaunt, dass die Forensik nicht bessere Ergebnisse liefern konnte bzw. dass nicht sofort jedem im Umkreis von 100 Kilometern eine DNA Probe entnommen wurde. Der Grund für die Gerichtsverhandlung kann ja nur darin bestehen, dass die forensic task force versagte und die entscheidenden Spuren nicht fand. Wie bei Sherlock Holmes sind Polizei und Richter bei solchen Detektivfantasien auf unbedeutende Randerscheinungen reduziert, die am Schluss kurz auftauchen, den Täter abführen, schnell verurteilen, und einsperren.
Der CSI Effekt wirkt sich aber auch auf Täter aus, die nachweislich größere Anstrengungen unternehmen, um ihre Spuren zu verwischen, und auf Schulabgänger, die plötzlich alle forensic science studieren wollen. Das Lustige dabei ist, dass man sich über Kinder amüsiert, die in Hogwarts Zauberei studieren wollen, aber recht viel Unterschied besteht da nicht. Die Wissenschaft hat längst der Magie den Rang abgelaufen als die generell akzeptierte Form der Zauberei.

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Freitag, 31. August 2007

HBO - way to go!

Liebe Fernseher!

Dank meiner Freundin bin ich nun stolzer Besitzer der 2. Staffel von KALKOFES MATTSCHEIBE, einer Sendung, die 1995-8 unverschlüsselt auf PREMIERE lief. Oliver Kalkofe, der sich selbst als "eitriges Furunkel am Arsch der Unterhaltung" bezeichnet, legt wie kein anderer die Banalitäten des Fernsehens bloß. Seine Mischung aus beißendem Zynismus, derbem Humor und aberwitziger Sprachakrobatik ist nicht jedermanns Sache - aber meine allemal. Kalkofe war und ist einer meiner ganz großen Helden.
Hier eine kurze Kotzprobe aus dem umfangreichen Werk des Meisters - KALKOFES LETZTE WORTE vom 10. November 2000:

Protest im Kornfeld
So weit sind wir in diesem Land also schon gekommen: das ZDF setzt die Hitparade ab! Nach mehr als dreißig Jahren treuem Lala-Frondienst bei den Öffentlich-Rechtlichen - rein arbeitsrechtlich gesehen längst im Beamten-Status der Unkündbarkeit - soll die Mutter aller Musikformate jetzt einfach so aus dem Äther geblasen werden. Das gleicht einer Herzentnahme am offenen Sender! Die Hitparade, Heck hab sie selig, als unerschütterlicher Bewahrer germanischen Liedguts gilt als einer der Grundpfeiler unserer Kultur. Meiner Erinnerung nach wurde das ZDF damals überhaupt nur wegen dieser Sendung gegründet, weil die swingende Deutschnegermusikparade der ARD zu progressiv und frech erschien. Die Reste drumherum verstand ich persönlich lediglich als Sendelochaufschüttung und üblerweise notwendiges Schlager-Rahmenprogramm zwischen den Hit-Happenings, weil ja die alten Gesangsrochen nach jedem Auftritt immer vier Wochen Ruhe brauchten.Und warum soll diese fundamentale Mitklatsch-Institution unserer Demokratie jetzt plötzlich in die Urne hüpfen? Nur weil sie inzwischen läppische achtzig Prozent weniger Zuschauer hat als im letzten Jahrhundert? Mein Gott, die meisten davon sind halt schon tot, und außerdem reisst man den Kölner Dom ja auch nicht einfach ab, nur weil kein Schwein mehr in die Kirche geht. Gnadenlos ist dabei vor allem die Entscheidung der einäugigen Zweitstation, den leergemobbten Platz mit irgendeiner neuen Serie ausfüllen zu wollen. Aber brauchen wir denn wirklich noch einen weiteren familienfreundlichen 250-Teiler mit Klaus-Jürgen Wussow als 35-jährigem katholischen Diplom-Abdecker und Kinderpsychologen, der in seiner Freizeit Mordfälle löst? Und was soll ohne die Hitparade als therapeutisches Auffangbecken für Schlagerstars überhaupt aus all den arbeitslosen Gesangsgranaten aus dem Ghetto der Unterhaltungsbrache werden? Heruntergekommene Kleinkriminelle, die uns nachts in Hauseingängen auflauern und mit 'Geld her oder ich gröl dich um!' bedrohen? Abgewrackte Applaus-Junkies, die in den Fußgängerzonen um etwas Gratis-Beifall und Karaoke-Care-Pakete betteln? So weit darf es nicht kommen! Sex-Jukebox Jürgen Drews hat jedenfalls bereits angekündigt, mit einer Armee Schlagersöldner einen Protestmarsch zum Reichstag zu organisieren und notfalls ganz Berlin in Schutt und Asche zu singen, wenn das ZDF nicht einlenken wolle. Denn wie sagte schon Goethes Halbschwester und Pferdezahnpflegerin Tina York: 'Wir lassen uns das Singen nicht verbieten. Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit.' Amen. Wär ja auch noch schöner!

Sieht man sich die alten Folgen der MATTSCHEIBE von vor 10 Jahren an, wird einem schlagartig klar, dass das Fernsehen gar nicht schlechter wird: es war schon immer totaler Müll! Nimmt man zum Beispiel RTLs ENTERN ODER KENTERN, was Christian Buß am 30. Juni im SPIEGEL einen "Nonsens-Gewaltakt als Seeräuberspektakel" genannt hat, findet man locker vergleichbare Schwachsinnigkeiten, die in den 90ern im Fernsehen liefen. FORSTHAUS FALKENAU und TRAUMSCHIFF sind unverbrüchliche Beweise dafür, dass sich seit 20 Jahren auf deutschen Bildschirmen nicht viel verändert hat.

Blickt man aber über den Atlantik, zeichnet sich ein völlig anderes Bild ab. Während den Amerikanern der Ruf vorauseilt, dass ihre Fernsehformate an Dummheit nicht zu unterbieten seien und die JERRY SPRINGER SHOW oft und gerne als Beweis dafür herhalten muss, wird die Qualität amerikanischer Serien seit den 90er Jahren ständig besser - sowohl in technischer als auch inhaltlicher Hinsicht. Selbst ein Spartenkanal wie SciFi Channel hat mit BATTLESTAR GALACTICA eine der besten Serien (egal ob Science Fiction oder nicht) am laufen. BOSTON LEGAL, LOST, 24, THE SIMPSONS, THE OFFICE, MY NAME IS EARL - eine durchschnittliche Fersehfolge ist heute besser als 80 % der Filme, die im Kino laufen. Längst haben findige TV Produzenten erkannt, dass die zusätzlichen Kosten für qualitativ hochwertige Produktionen leicht über DVD Verkäufe wieder reinkommen. Und zweitens hilft die moderne Technik sehr viel Geld sparen.
Der kostenpflichtige Kabelkanal HBO ist sowieso unschlagbar, was Qualität bei Fernsehserien anbelangt, aber ich werde jetzt nicht noch einmal eine Lobeshymne anstimmen. Natürlich läuft noch immer unglaublich viel Schrott über amerikanische Bildschirme, aber manche Sender zeigen, dass Fernsehen mehr sein kann als Unterhaltung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

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Donnerstag, 12. Juli 2007

ORF

Liebe Fernseher!

Zuerst kam der Countdown: Dieses Fernsehsignal wird in 6 Tagen, 18 Stunden, 13 Minuten und 57 Sekunden abgestellt. Ab dann können sie ORF 1, ORF 2 und ATV nur mehr mit einer DVD-BMW-BT-SUPER-TRÄTERÄTÄTÄ BOX empfangen. 6 Tage, 18 Stunden, 13 Minuten und 50 Sekunden später war der ORF tatsächlich weg.
Obwohl ich natürlich wusste, dass sie auch ohne meine geteilte Aufmerksamkeit schamlos weitersenden würden, hatte die Einstellung des Signals etwas Beruhigendes. Irgendwie vermittelte mir der nun gänzlich blaue Bildschirm das Gefühl, dass Dr. Alexander Wrabetz nicht nur die Konsequenzen aus seiner groß angekündigten und völlig fehlgeschlagenen Reform zog, sondern auch den Stecker aus der Dose.
Seit Jahren schon kränkelt die Programmgestaltung in einem Ausmaß, dass einem schlecht werden könnte. Hier nur ein kleiner Ausschnitt, was heute so läuft:

SZENE

ACHTUNG, AFFEN AN BORD!
Schlechte Autofahrer treffen auf gute Musiker. szene stellt Engländer vor, die scheinbar alles richtig machen und Österreicher, die sich unbedingt verbessern sollten.

DIE BARBARA KARLICH SHOW

MEINE PROBLEME LÖST NUR MEINE WAHRSAGERIN

HEUTE IN ÖSTERREICH

Familientragödie Babyleichen Eurofighter Hund erschossen Megastau Hias-Begräbnis Ambros CD Gefährliche Trampoline Erfolg für U 20 Feuerwehrauto wird versteigert Königin Sirikit in Fuschl

LIEBESG'SCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN

Kurt, 47 Jahre, Kleinmagazineur aus Linz, ist eine "original, unberührte männliche Jungfrau – ein Topstück". Er hofft, durch die Sendung eine "Sonnenelfe zu finden, welche vermag, diesen Umstand zu ändern".

THE SCORPION KING

Der Arkadier Mathayus wird mit seinem Bruder angeheuert, den Despoten Memnon zu töten. Mit der Entführung der einflussreichen Seherin Cassandra hoffen sie, den finsteren Herrscher entscheidend zu schwächen. Deren Geschick und deren Reizen sind bereits zahlreiche Helden des unterdrückten Volkes zum Opfer gefallen. Als sich Cassandra in Mathayus' Gewalt befindet, kommt es vor den antiken Mauern von Gomorrah zur entscheidenden Schlacht gegen das von Thorak angeführte Heer.

Wer bis drei zählen kann oder Deutsch als Muttersprache spricht ist hier schon hoffnungslos verloren. Das trifft leider oft auch auf die ZIB zu, wo sich eine Ingrid Thurnher ständig verspricht, obwohl die Texte für ein Massenpublikum zugeschnitten und somit grammatisch entschärft sind. Wenn man sich Thurnhers offizielle ORF Biografie durchliest, kann man fast vom Austrian Dream sprechen:

Ingrid Thurnher besuchte nach einem abgebrochenen Publizistik- und Theaterwissenschaftsstudium das Schubertseminar.
Nach einem Sprechertest 1985, bei dem sie unter die ersten drei kam [gleich nach Karl Moik und Hias], begann sie ihre Tätigkeit beim ORF. Sie arbeitete vorerst als TV-Ansagerin und war von 1986 bis 1991 als Redakteurin im Landesstudio Niederösterreich im Akuellen Dienst beschäftigt. Weiters moderierte sie "Land und Leute", "Österreich-Bild", "Österreich heute" und "Niederösterreich heute".
1991 bis 1994 war die gebürtige Bludenzerin als Redakteurin der Innenpolitik tätig, bevor sie zur "ZiB 2" wechselte und diese seit 1995 präsentiert.

Wenn nicht ARTE, 3SAT und das Minderheitenprogramm des ORF ab 23 Uhr wären, könnte man auf Fernsehen generell verzichten. Im Moment verhält sich Ö3 zu ORF 1 wie DIE GANZE WOCHE zu NEWS. Dabei stört nicht einmal so sehr die Banalisierung des Programms, sondern die Ideenlosigkeit und Frechheit noch immer irgendeinen Bildungsauftrag als öffentlich-rechtlicher Sender vorzugaukeln. Sollen eben den ganzen Tag die SIMPSONS und MALCOLM MITTENDRIN laufen. Dann kann man wenigstens hunderte überbezahlte ORF Mitarbeiter entlassen.

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Mittwoch, 26. April 2006

Six Feet Under

Liebe Leidende!

Nachdem ich nun schon mehrmals darauf hingewiesen habe, dass SIX FEET UNDER zu meinen absoluten Lieblingsserien zählt, ist es vielleicht an der Zeit zu erklären, was denn nun eigentlich so faszinierend daran ist.
Zuerst einmal haben die Charaktere eine Geschichte, die weit über die Serie hinausgeht und die Figuren wesentlich prägt. Wenn man sich Menschen wie Landschaften vorstellt, dann wächst natürlich irgendwann einmal Gras über eine Sache und man kann auch schöne Wege anlegen, auf denen man andere herumführt, aber der Müll der früheren Jahre liegt trotzdem unter der Oberfläche vergraben und Gift sickert aus alten Fässern, die man früher noch abdichten wollte, jetzt aber einfach ignoriert. Während uns die make-over shows and das Michael-Jackson-Syndrom lächerlich erscheinen, leben wir dennoch in einer Gesellschaft, in der der ständige Neubeginn gepredigt wird. Jeder muss sich täglich neu erfinden.
Die Charaktere in SIX FEET UNDER wollen nichts mehr als das alte Leben vergessen und von Neuem zu beginnen - nicht aus reiner Selbstsucht, sondern auch um für andere die Person zu sein, die man gerne sein möchte. Aber genau das bleibt ihnen versagt. Trotz bester Absichten werden alle von der Vergangenheit eingeholt und scheitern an der Diskrepanz zwischen Wunschvorstellung und Realität. Der Mensch ist wie ein Rekorder, der sich Erfahrungen und Verhaltensweisen einprägt, die nicht von heute auf morgen verschwinden. Als organisches Speichermedium gibt es keinen Resetbutton und kein Neu-Aufsetzen.
Und trotzdem gibt es die Momente, in denen plötzlich alles stimmig wird und man weiß, warum man da ist. Aber diese muss man auch zulassen. Brenda sagt einmal: "The future is just a fucking concept that we use to avoid living today." Man muss hart daran arbeiten. In der letzten Folge der vierten Staffel gibt es diesen kurzen Dialog zwischen David und seinem toten Vater, der diese Idee nochmals auf den Punkt bringt:

Nate Sr.: You hang on to your pain like it means something. Like it's worth something. Well, let me tell you - it's not worth shit. Let it go! Infinite possibilities, and all he can do is whine.
David: Well, what am I supposed to do?
Nate Sr.: What do you think? You can do anything, you lucky bastard - you're alive! What's a little pain compared to that?
David: It can't be that simple.
Nate Sr.: What if it is?

Der Tote hat leicht reden. Leben in der SIX FEET UNDER Welt ist nicht gerade leichte Kost und der Zuseher muss schon einige Leidensfähigkeit aufbringen. Trotzdem ist es, zumindest für mich, realistischer als viele andere Dinge, die im Fernsehen laufen.

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Sonntag, 11. Dezember 2005

The 4400; or, Roger Ebert was right!

Liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung!

1995 veröffentlichte Roger Ebert ein Büchlein, das folgenden, leicht ausufernden Titel trug: THE LITTLE BOOK OF HOLLYWOOD CLICHES: COMPENDIUM OF MOVIE CLICHES, STEREOTYPES, OBLIGATORY SCENES, HACKNEYED FORMULAS, SHOPWORN CONVENTIONS AND OUTDATED ARCHETYPES. Vier Jahre später folgte dann die extended version und der Titel wurde noch ein Spürchen länger:



Wie unschwer zu erkennen ist, geht es hier um Konventionen des Hollywood Kinos, die wir alle blind akzeptieren. Hier ein paar Beispiele:

When paying for a taxi, never look at your wallet as you take out a note - just grab one at random and hand it over. It will always be the exact fare.
During all police investigations, it will be necessary to visit a strip club at least once.
All grocery shopping bags contain at least one stick of French bread.
A single match will be sufficient to light up a room the size of a football stadium.
One man shooting at 20 men has a better chance of killing them all than 20 men firing at one.
When they are alone, all foreigners prefer to speak English to each other.
It is always possible to park directly outside the building you are visiting.
A detective can only solve a case once he has been suspended from duty.
All bombs are fitted with electronic timing devices with large red readouts so you know exactly when they're going to go off.

Das alles stört relativ wenig, wenn man sich irgendeinen Big Budget Actionklamauk ansieht. Geht es aber um eine ernst gemeinte Dramaserie, wird die Sache schon heikler.
THE 4400 ist Ira Steven Behrs nächste große SF/Fantasy-Serie nach STAR TREK: DEEP SPACE NINE. Dafür hat er seine zwei Kumpel aus alten Trek-Tagen, Robert Hewitt Wolfe und René Echevarria, mit an Bord geholt. Ronald D. Moore, wahrscheinlich der beste der früheren STAR TREK staff writers, hat in der Zwischenzeit CARNIVÀLE produziert/geschrieben und ist jetzt bei BATTLESTAR GALACTICA, der sicherlich besten SF Serie im Moment. Michael Piller, der die dritte Staffel von STAR TREK: THE NEXT GENERATION fast im Alleingang gerettet und das ganze Franchise nachhaltig beeinflusst hat, ist übrigens am 1. November 2005 an Krebs gestorben. Aber nun zurück zu THE 4400. Als ehemaliger STAR TREK Fan müsste ich also der Serie wohlwollend gegenüberstehen.
Die Grundidee ist ja ganz nett: 4400 von Aliens in den letzten 50 Jahren entführte Menschen werden auf einen Schlag zur Erde zurückgebracht. Bald schon stellt sich heraus, dass sie übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Die Serie konzentriert sich weniger auf große Themen wie Invasion oder Weltverschwörung, sondern auf den Umgang der Familien mit ihren totgeglaubten, aber dann doch zurückgekehrten Verwandten. Dieses Format kommt so gut an, dass im Frühjahr die dritte Staffel in Produktion geht. Es handelt sich hier also um eine der erfolgreichsten der neuen SF/Fantasy/Mystery-Serien.
Und dennoch krankt die Serie an Versatzstücken, die zumindest so alt wie die Mutter aller modernen Mystery-Serien selbst sind: AKTE X. Schon wieder geht es um außerirdische Entführungen, übermenschliche Fähigkeiten und zwei FBI-Agenten, deren Privatleben im Argen liegt und die die Fälle lösen müssen. Bei 24 hat man sich einfach CTU ausgeborgt, das hier Homeland Security oder später dann National Threat Assessment Command genannt wird. Dazu kommen dann noch die ganzen üblichen Klischees wie der prototypische Boss, das mysteriöse kleine Mädchen, die wohlwollenden Adoptiveltern, die dann mit dem Kind nicht fertig werden, die Highschool mit ihren üblichen Konflikten, dass sich alles verändert hat, seit man das letzte Mal da war etc.
Am schlimmsten ist aber die Inszenierung von inneren Befindlichkeiten. Ständig düdelt Musik im Hintergrund, die dich auf den emotionalen Gehalt der Szene einstimmen soll. Was die Charaktere am meisten vermissen, wird ihnen ständig vor Augen geführt, damit auch noch der letzte Vollidiot begreift, worum es gerade geht. Der jugendliche Heimkehrer darf seinen Frust rausbrüllen: "SCREW YOU, UNCLE TOMMY!", Lily, deren Mann wieder geheiratet hat und ihr die gemeinsame Tochter vorenthält, darf einsam und traurig durch die Straßen gehen, und Richard, den man nur mehr als Black Jesus bezeichnen kann, wird von einem Penner aus seinem ehemaligen Stadtviertel vertrieben, das ohnehin in Ruinen steht.
Ich werde durch solche Banalitäten in der Erzählweise immer aus der Serienwelt herausgerissen und beginne dann, das ganze ironisch zu sehen. Besonders die erste Hälfte des Pilotfilms war für mich an vielen Stellen unfreiwillig komisch. Dabei machen die Schauspieler noch das beste aus dem teilweise mißglückten Drehbuch. Brauchen die Amerikaner wirklich diese ganzen üblen Klischees um in Sekundenbruchteilen in der Lage zu sein, eine Situation zu erfassen? Es handelt sich dabei nämlich um optisches Fast Food: es rutscht leicht runter, füllt den Magen und ist gleich wieder vergessen. Dabei gibt es doch so viele Serien, die mit diesem Blödsinn radikal aufräumen (SIX FEET UNDER, CARNIVÀLE, BATTLESTAR GALACTICA) oder ironisch damit spielen (LOST, THE SOPRANOS). Ich glaube, dass man als alter STAR TREK Fan THE 4400 noch eine Chance geben soll, oba bled spün derfn si si ned.

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Montag, 5. Dezember 2005

Gilmore Girls

Liebe Eskapisten!

Heute nehme ich mich des kontroversiellsten Themas überhaupt an. Die Rede ist natürlich nicht von Schorsch "Double Trouble" Bush und der US-amerikanischen Außenpolitik oder der Rückkehr der Atomkraft in der Europäischen Union. Nein, viel schlimmer. Heute wage ich es eine heilige Kuh zu schlachten.
Als ich heute früh nichtsahnend den Fernseher einschaltete, fing gerade GILMORE GIRLS an. Na gut, dachte ich mir, gibst du halt den hollow stars eine Chance. Es lief gerade "Das perfekte Paar" oder "How Many Kropogs to Cape Cod?", die 20. Folge der 5. Staffel. Da ich die wahren Fans nicht mit einer Inhaltsabgabe langweilen will, hier nur die wichtigsten Punkte:

Rory ist total glücklich mit ihrem Freund Logan Huntzberger und ihre WG Genossin ist total glücklich mit ihrem Freund. Beide freuen sich, dass es mit ihren Freunden so gut läuft. Rory darf bei Logans Papa ein Praktikum machen und ist sich total unsicher: Was soll sie anziehen? Was soll sie sagen? Da der Papa so beschäftigt ist, fällt die Rory gar nicht auf. Da ruft sie ihren Freund Logan an und der sagt ihr, dass der Papa gerne entkoffeinierten Kaffee trinkt. Also holt sie ihm einen Kaffee und schon hat sie seine Aufmerksamkeit. Der Plan hat funktioniert!
Oma Emily Gilmore möchte den Freund der Enkelin kennenlernen und lädt die beiden zum Essen ein. Rory ruft Logan an und bereitet ihn seelisch auf das schreckliche Abendessen vor. Sie wollte das gar nicht, jetzt, wo doch alles so gut läuft etc. Lorelai will auch unbedingt dabei sein und Emily stimmt nur widerwillig zu. Beim Essen reden die Großeltern nur vom Heiraten und das junge Paar tritt schnell die Flucht an. Am Schluss beschwert sich Lorelai bei ihren Eltern, dass sie völlig verblendet sind und es keine perfekten Menschen gibt.

Nun zu meinen Fragen und Anmerkungen:

1) Die Großeltern sind offensichtlich Mitglieder des reaktionär-republikanischen Geldadels. Was hat eine fast 40-jährige Frau überhaupt bei ihren Eltern verloren, noch dazu wenn diese ideologisch aus einem ganz anderen Eck kommen? Lorelai tritt immer als unkonventionelle Rebellin auf, fährt aber ständig zu ihrer tyrannischen Mutter und läßt sich von dieser, pardon my French, auf den Kopf scheißen. Wenn sie ihren Eltern dann am Schluss die Meinung sagt, muss ich mir denken: Jetzt die Klappe groß aufreißen, aber den ganzen Abend brav bei den Oldies rumhängen.

2) Wenn Lorelai und Sookie, die beiden Hotelbesitzerinnen, in einem feudalen Ambiente auf Kissen ruhend drei Köche herumdirigieren und ständig davon schwafeln, wie schlecht es ihnen nicht geht und wie wenig Geld sie nicht hätten, dann stimmt doch irgendetwas nicht.

3) Die Figuren wären mit ihrer Eindimensionalität in einer Sitcom besser aufgehoben. Ich persönlich sehe zwischen erster und fünfter Staffel keinen Unterschied. Gibt es in der Serie so etwas ähnliches wie Charakterentwicklung? Da hat sich ja bei FRIENDS mehr getan und das ist nun wirklich eine Sitcom.
Die alte Emily ist noch immer ein Tyrann, Lorelai ist noch immer unkonventionell und hat ein paar witzige Sprüche auf Lager, Rory versucht noch immer einen Ausgleich zwischen Mutter, Großmutter und Schule bzw. Studium zu finden.
Thematisch dreht sich alles nur um Oberflächlichkeiten: Abendessen, Golf spielen, Kleidung, Yale, Mode, Manieren, Geld, Häuser, den Anschein bewahren etc. Ich habe große Schwierigkeiten mich mit irgendeiner Figur zu identifizieren oder mich zumindest in eine hineinzuversetzen, weil sie absolut keinen Tiefgang haben. Oder anders formuliert: Mich läßt die Serie emotional total kalt.

4) Warum gibt es keine Schwarzen, Latinos, Chinesen oder sonst irgendeine andere Hautfarbe oder Kultur in Stars Hollow? Irgendeine Japanerin läuft manchmal durchs Bild, aber das war's dann auch schon wieder.

Ich bin, wie man unschwer erkennen kann, ein Anhänger der Theorie, dass eine Fernsehserie ihre Figuren ordentlich treten muss, damit sie funktioniert: 24, LOST, SIX FEET UNDER, CARNIVALE, BATTLESTAR GALACTICA etc. Andererseits gehört GILMORE GIRLS nicht in die Sparte Drama, sondern Light Entertainment, denn für eine Comedy ist die Serie zu wenig lustig.

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Dienstag, 11. Oktober 2005

We need men like you

Liebe Softies!

Wäre ich im Bereich Gender Studies und Masculinities (der Plural ist hier ganz wichtig!) eingelesen, dann könnte ich jetzt profund über die Serie 24 und die Konstruktion des von ihr propagierten Männlichkeitsideals philosophieren. Da es mir aber am wissenschaftlichen Hintergrundwissen mangelt, muss ich mich auf meinen gesunden (?) Hausverstand verlassen.
Das Besondere an 24 ist, dass neben den üblichen Idealen wie körperliche Fitness, Härte, Durchhaltevermögen, Entschlussfreudigkeit und Verlässlichkeit hier vor allem die Bereitschaft zählt, sich im Dienst der höheren Sache (z.B. "saving millions of lives") über rechtsstaatliche Grundsätze hinwegzusetzen. In einer schweren Krise hat der Staatsdiener nicht nur das Recht, sondern scheinbar auch die Pflicht, Menschenrechte außer Acht zu lassen und z.B. einen Zeugen auf jede nur erdenkliche Weise zu foltern, um Informationen aus ihm herauszuquälen, oder Unschuldige zu erschießen, um die eigene Identität nicht preisgeben zu müssen (in undercover Einsätzen).
Natürlich wird die gegenteilige Position von mehreren Figuren in der Serie vertreten. Auffallend ist nur, dass diese fast durchgehend negativ besetzt sind. Das krasseste Beispiel ist sicherlich der Sohn des Verteidigungsministers, Richard Heller. Während er am Anfang der vierten Staffel seinem überaus dominanten Vater noch halbwegs Paroli bieten kann, entpuppt er sich schlussendlich als pazifistisches, leichtgläubiges Weichei, dessen Coming Out eigentlich nur mehr bestätigt, dass er kein richtiger Mann ist. Ein Vertreter von Amnesty Global, der auf den Menschenrechten eines Gefangenen beharrt, wurde vom Superterroristen nur benutzt, um die good guys lange genug aufzuhalten. Präsident Logan, der einmal sagt "This administration will not condone murder" und erhebliche Bedenken gegenüber gewissen illegalen Machenschaften vorbringt, ist die Witzfigur schlechthin. Auch Frauen und Jugendliche sind, mit wenigen Ausnahmen, tendenziell schwach und reagieren oft zu emotional.
Die interessante Folge dieses Männlichkeitsideals ist es, dass Jack Bauer und Marwan, das terroristische Superhirn, sich derselben Methoden bedienen, um in ihrem fanatischen Eifer irgendwelche großen Ziele zu erreichen. Aug um Aug, Zahn um Zahn. Und das darf man in der Welt von 24 ruhig wörtlich nehmen. Um Verbrecher effektiv bekämpfen zu können, muss man selbst zu Greueltaten bereit sein. Wie sagt Rambo so schön? "Man muss selbst zum Krieg werden." Die beiden unterscheidet also nur die ideologische Ausrichtung. Weil aber Jack Bauer für die Guten (=Amerikaner) kämpft, wird ihm alles verziehen. Der Präsident wird's schon richten.
Die Serie suggeriert ständig, dass unsere westliche Zivilisation von den Mächten der Finsternis bedroht ist und, genau genommen, nur Männer vom Schlag Jack Bauers uns letztendlich retten können. Dieser braucht aber, um seinen Job zu erledigen, Hochtechnologie und Waffen vom Feinsten. Menschenrechte und Pazifismus mögen zwar als Ideale ganz nett sein, aber in der rauhen Wirklichkeit taugen sie nicht viel.
Erinnert das nicht ein bisschen an unseren Lieblingspräsidenten?

Ich möchte hier der Serie unterstellen, dass sie nicht zufällig auf FOX läuft. Rupert Murdoch, Medienmogul und Besitzer von FOX Television, ist ein bekennender Republikaner und hat sich in allen Wahlkämpfen aktiv für die Konservativen eingesetzt (auch schon für Thatcher in den 80ern). FOX NEWS ist mittlerweile nichts anderes mehr als eine Bush Propagandamaschine. Wahrscheinlich werden jetzt einige einwenden, dass The Simpsons, Family Guy und Malcolm in the Middle auch auf FOX laufen, die ja bekanntermaßen subversiv sind und äußerst kritisch mit der amerikanischen Familie bzw. Gesellschaft ins Gericht gehen (ganz in der Tradition von Married ... with Children, das ebenfalls auf FOX ausgestrahlt wurde). Da würde ich entgegnen, dass diese Serien harmloser sind, als man glaubt. 24 hingegen trägt als high profile show entscheidend zur Senderlinie bei.

Was mache ich also als Wehrdienstverweigerer, Pazifist, Literaturstudent und somit totales Weichei? Mit großer Begeisterung 24 schauen, weil es im Moment einfach eine der besten Serien ist. Ich habe auch immer ohne Bedenken in Computerspielen auf pixelige Menschen geschossen. Ich glaube, dass man Unterhaltung und Realität ganz gut trennen kann. Was will er uns also mit diesem Eintrag sagen? Selbst wenn 24 als actiongeladene Unterhaltungsserie daherkommt, ist sie natürlich stark ideologisch gefärbt, wie das meiste, das aus dem republikanernahen Hollywood kommt. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein.

P.S. Kann sich noch jemand an EINE FRAGE DER EHRE (A Few Good Men) erinnern? Dieser Film spielt teilweise auf Guantanamo, wo die Amerikaner noch immer 24 in Echtzeit durchziehen. Col. Nathan R. Jessep (Jack Nicholson) regiert dort wie Jack Bauer in CTU und nimmt den Tod eines Soldaten in Kauf, um die Disziplin der gesamten Einheit aufrecht zu erhalten. Der verweichlichte Lt. Daniel Kaffee (Tom Cruise), der noch nie einen Kampfeinsatz mitgemacht hat und nicht versteht, dass die Marines uns tagtäglich gegen die Mächte der Finsternis schützen, bringt den Col. zu Fall. Er selbst verdient sich den Respekt der Angeklagten und des Publikums und steht am Schluss als strahlender Held da. Der Film ist 13 Jahre alt. Heute würde Jack Bauer Lt. Kaffee alle Finger einzeln brechen und dann vom Präsidenten begnadigt werden, weil er einer Schwuchtel gezeigt hat, wozu echte Männer fähig sind.

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Samstag, 3. September 2005

Dillo or no Dillo

Liebe Fendrich-Fans!

Gestern habe ich mir zur Strafe für mein sinnloses Herumtrödeln gleich noch das Sinnloseste angetan, dass das Fernsehen um diese Zeit zu bieten hatte: "Deal or no Deal".

Lobet und preiset ihr ORF-Fritzen nun dieses Kleinod der österreichischen Fernsehunterhaltung:
"Sie ist die große ORF-Sommershow, wird von Rainhard Fendrich moderiert, lockt mit Gewinnen bis zu 250.000 Euro - und startete am 17. Juni 2005 in ORF 1: "Deal or No Deal - Die Lotto-Show", das spannende neue Spielformat von ORF und Österreichische Lotterien. "Deal or No Deal - Die Lotto-Show" ist ab diesem Tag der Auftakt zur "Showtime am Freitag" - um 20.15 Uhr in ORF 1."

Was hier als "spannendes, neues Spielformat" für die Unterhaltungsschiene des ORF am Freitag Abend promotet wird, ist in Wirklichkeit eine ganz traurige Angelegenheit. Fendrich moderierte am 16. April 2005 die Retroshow "50 Jahre Fernsehen" und hat sich offensichtlich davon nicht mehr erholt. "Deal or no Deal" erinnert an die Anfänge der Fersehunterhaltung, so als würde man jetzt "Dalli Dalli" oder "Einer wird gewinnen" als neue Shows ausstrahlen. Das macht aber nix, denn die Zielgruppe ist sowieso das Krampfaderngeschwader, das damals schon live dabei war und jetzt Wolfram Pirchner bei "Willkommen Österreich" anhimmelt.
Da sitzen also der Reini und ein Reprotechniker aus Brunzlechen am Furzkogel in einer Deko, die jedem drittklassigen Ausstatter die Tränen in die Augen treibt. Wie heißt es in Bachs Matthäuspassion so schön: "O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz". Kanditat und Moderator beäugen dabei nun 26 junge Damen, die alle grüne Kleider, blonde Perücken und goldene Koffer tragen. Mr Repro sucht sich einen Koffer aus, der auf dem Tisch landet. Dann nennt er eine Zahl nach der anderen und die blonden Tussis machen ihre Koffer auf: "Das wäre ihr Preis gewesen." Am Schluss bleibt sein eigener Koffer über und Mr Repro bekommt die Kohle. Dazwischen bietet ihm die "Bank" Geld, damit er schon früher aussteigt. Und das ist das ganze Spiel!! 40 Minuten lang!! Natürlich ist man superkorrekt und total antisexistisch und nennt zu jeder Zahl den Namen des Mädchens. Man braucht die Tussis ja auch wie einen Bissen Brot. Man stelle sich nur vor, die 26 Koffer würden einfach im Studio herumstehen, anstatt von Frauenhänden gehalten zu werden. Der Schnarchfaktor der Sendung ist trotzdem so gigantisch groß, dass man vor Lähmung nicht einmal mehr zur Fernbedienung greifen kann, um umzuschalten.
Fendrich selbst ist für mich einfach ein trauriger, alter Zwerg. Damit möchte ich auch an das Motto dieses Blogs erinnern (siehe oben). Seit genau 15 Jahren ("I am from Austria") ist der Ofen eigentlich schon aus, aber der Reini kapiert einfach nicht, dass er schön langsam zum Johannes Heesters der österreichischen Unterhaltungsszene wird. Da jammert er herum, weil Christl Stürmer so einen Zulauf hat, und bietet in "Deal or no Deal" eine drittklassige Imitation von Armin Assinger. Wenn er konsequent wäre, würde er sich ins Altersheim zurückziehen und die Show gleich vor Ort moderieren. Da könnte man sich den ganzen technischen Aufwand ersparen.

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Samstag, 27. August 2005

talk talk talk

Liebe Freunde der gepflegten TV-Unterhaltung!

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Bekannten über das Thema Talk- und Gerichtsshows. Im Rahmen des Gesprächs äußerte sie sich erstaunt darüber, dass ein Sender wie PRO 7, der selbst diesen Krempel zeigt, die Metashow "talk talk talk" im Programm hat, die explizit diesen Schwachsinn verhöhnt. (Man möge mir hier den Verzicht auf den Konjunktiv in der indirekten Rede verzeihen, aber in der gehobenen österreichischen Umgangssprache reicht der Indikativ.) Diese Theorie einer Metaebene innerhalb des Mediums Fernsehen ist ein exzellenter Ausgangspunkt, um über das Wesen von "talk talk talk" nachzudenken.

Sonya Kraus' Moderation ist von zwei zentralen Elementen geprägt: Während sie sich verführerisch auf einer plüschbezogenen Sitzgelegenheit räkelt, kommentiert sie geistreich die Absurditäten des Hausfrauenfernsehens. Hier wird scheinbar auf zweifache Weise eine Metaebene eingezogen: In visuell-ästhetischer Hinsicht überflügelt der blonde Engel mit seiner strahlenden Schönheit und der ausgefallenen Abendgarderobe die Häßlichkeit der in Fetzen gehüllten Prolos. In verbal-intellektueller Hinsicht heben sich Hochsprache und die darin verpackten, geschliffen-formulierten Kommentare deutlich vom Umgangston ab, den die auszubildende Friseuse mit ihrem langzeitarbeitslosen Elektrikerfreund pflegt. Der Zuseher der Talkshows wird bei Sonya Kraus vom individuell und direkt reagierenden Voyeur zum Mitglied eines virtuellen Kollektivs, das die Distanz und Herablassung gegenüber den vorgeführten Idioten des Bügelfernsehens als wöchentliches Ritual zelebriert.

Sieht man nun aber genauer hin, beginnt diese Fassade der ästhetisch-moralischen Überlegenheit gehörig zu bröckeln. Das zentrale Element der Sendung sind ja eigentlich nicht die bescheuerten Ballermannfritzen und Arschgeweihträgerinnen der gezeigten Clips, sondern eher Sonyas Titten. (Man möge mir das Wort "Titten" verzeihen, aber es ist meine Pflicht, in sprachlich angemessener Weise den Phänomenen der modernen Fernsehunterhaltung gerecht zu werden.) Dieser vordergründige Fokus auf die körperlichen Attribute der Moderatorin ist insofern erstaunlich, als die Sendung ja vorgibt, hintergründig die Banalitäten der Fernsehunterhaltung aufzuzeigen. Die scheinbar cleveren Kommentare und Anmoderationen entpuppen sich bei genauerem Hinhören auch schnell als redundantes Geschwafel. Der Sendungstitel "talk talk talk" ist somit eher als unfreiwillig-ironische Anspielung auf den Moderationsstil zu begreifen als ein Kommentar zur Banalität der gezeigten Ausschnitte.
Obwohl ich mich nun des Verdachts des Brustfetischismus aussetze, möchte ich noch mal zum Thema "Titten" zurückkehren. In der Sendung vom 8. Mai 2004 macht sich Frau Kraus offensichtlich über die Brustfixierung der proletarischen Kleingeister lustig:



In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Nachricht aus der Klatschpresse hinweisen, die ich bei www.fatnews.de wiederentdeckt habe:

Ist der Busen von Sonya Kraus nun echt oder nicht?
Seitdem Kollege Andreas Türck (33) die Behauptung über Sonya Kraus' Brüste aufstellte: "Die hat ja solche Dinger, die sind doch gemacht!", hat die blonde Buchstaben-Fee und Moderatorin ("Glücksrad", "talk talk talk") Ärger. Alle fragen sich: Hat Sonya nun Silikon im Busen? Und wenn ja, wieviel?

Sonya Kraus bringt selbst des Rätsels Lösung:
"Ja, ich helfe mit Silikon nach!" Der Clou: Sie trägt die Silikonkissen außen und nicht innen: "Ich habe normalerweise Körbchengröße 75 B. Vor der Kamera trage ich aber immer abnehmbare Silikonauflagen, die meinen Busen auf 75 C vergrößern." Alles andere dahinter ist echt, beteuert Sonya Kraus.

Ich würde diesen hier mehrfach explizit als auch implizit vorkommenden Sexismus ziemlich traurig finden, wenn sich Sonya Kraus nicht mit solcher Überzeugung als Quotennutte prostituieren würde. Mittlerweile moderiert ihr Vorbau schon jede zweite Sendung auf PRO 7. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass die Frau hinter der Moderatorin keineswegs blöd ist.
Fazit: "talk talk talk" ist um keinen Deut besser als der übliche Fernsehtrash. In ihrer ästhetischen und verbalen Künstlichkeit verspielt die Sendung jegliche Relevanz und erstarrt in ihrer nicht überschminkbaren Oberflächlichkeit. Das Fernsehen kennt eben weder Vielfalt noch eine zweite Ebene. Im größten Recyclingprozess, den dieser Globus kennt, wird das gerade schwer Verdaute ständig nach oben gewürgt und wiedergekäut. Die leichten Variationen in der Präsentationstechnik versuchen nur darüber hinwegzutäuschen, dass die Inhalte immer dieselben sind. Wie eine riesige Bürokratie verwaltet das Fernsehen nur mehr sich selbst. Es ist sein eigener Inhalt geworden.

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Dienstag, 21. Juni 2005

Tausche Familie

Liebe Doku-Soap-Fans!

ATV+ fasziniert mich mehr, als ich gerne zugeben möchte. Eigentlich wollte ich ja über etwas ganz anderes berichten und gar nicht fernsehen, aber in diesem Moment verfolge ich mit großer Begeisterung "Tausche Familie" auf ATV+, dem Unterhaltungssender meines Vertrauens. Hier ist die Beschreibung dieser 6. Folge der 8. Staffel meiner neuen Lieblingsserie:

"Richard (26) aus Ottensheim verlässt für eine Woche seine Freundin Sonja (22), ihres Zeichens Hundefrisörin, und deren Mutter Margarete (48). Das Reihenhaus, welches die 3 gemeinsam mit 3 Hunden bewohnen gehört der alleinstehenden Margarete. Richards Platz nimmt der gebürtige Wiener Michael (46) ein. Er lebt [mit] Frau Ilse (55), Ilses Sohn aus erster Ehe Mario (27) und dessen Lebensgefährtin Nimo (26) in Strasshof. Die Familie hat sich vor 11 Jahren den Traum eines eigenen Hauses erfüllt. Gesprächsthema gibt es meistens nur eines: Das Hausbauen.

In Ottensheim dagegen herrschen andere Verhältnisse. Richard ist ein Versicherungsvertreter wie aus dem Bilderbuch – jung, dynamisch, attraktiv und vor allem redegewandt. Seine Freundin Sonja betreibt einen Hundesalon, Mutter Margarete arbeitet als Köchin."

Richard (26) war früher Bäcker, hat sich aber aus eigener Kraft in den Finanzdienstleistungssektor hochgearbeitet, wo er nun scheinbar sehr erfolgreich die breite Öffentlichkeit gegen Vulkanausbrüche, Heuschreckenschwärme und Schwiegermütter versichert. Er ist, wie die ATV+ Homepage korrekt informiert, tatsächlich "jung, dynamisch, attraktiv und vor allem redegewandt." Umso erstaunlicher scheint daher seine Beziehung zu Sonja Hanslmayr (22) zu sein, die als Hundefrisörin ihren eigenen Salon betreibt. Als erfolgreiche Jungunternehmerin kann sie es sich offensichtlich leisten, die Komplexität einer postmodernen Existenz völlig auszublenden, den Gartenzaun als Grenze ihrer erfahrbaren Welt zu akzeptieren und der geradezu buddhistischen Einfachheit ihres Lebens auch sprachlich gerecht zu werden. Dabei würde sie ihre Mutter Margarete Kastner (48) in einem Rhetorikwettstreit mit Leichtigkeit an die Wand spielen.

Richard zieht also nun bei Michaels Familie ein. Ilse Brombach-Zamar (55), hauptberuflich Hausfrau und Hausbesitzerin, kümmert sich liebevoll um den neuen Mann an ihrer Seite, der ihr eher wie ein zweiter Sohn als ein Ersatz für ihren werten Gemahl vorkommt. Mario (27), ihr Sohn aus erster Ehe, ist ein erfolgreich rehabilitierter Junkie und Dealer, der als Lagerarbeiter und Kampfsporttrainer für Hau-Fes-Tsu, eine seltene Variante des traditionell chinesischen Fang-Den-Shu, den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden hat. Richard und Mario werden schnell Freunde.

Bei Michael, einem 46-jährigen Berufsmacho und Straßenbahnfahrer, sieht es nicht ganz so rosig aus. Richard, der seine Sonja in den wenigen Jahren ihres gemeinsamen Glücks schon völlig durchschaut hat, warnt seinen Ersatzmann eindringlich vor den Launen seiner Lebensgefährtin: "Wenn das Frühstücksei nicht passt, ist sie den ganzen Tag stinksauer." Natürlich ist Michael mit den zahllosen Objekten überfordert, die der Zelebration des Hanslmayerischen Eierkults dienen. Wie zu erwarten war, hat die Dame des Hauses an der Konsistenz etwas auszusetzen und das ungenießbare Weichei wandert in den Mülleimer.
Ihren Zorn zieht er sich aber damit zu, dass er ungefragt eine Kundschaft Sonjas, die sich über die Frisur ihres geliebten Vierbeiners nicht sicher ist, in deren Gegenwart berät. Hier liegt eine unverzeihliche Kompetenzüberschreitung vor. Frau Hanslmayr mag vielleicht nicht viel von der Welt jenseits ihres Gartenzauns verstehen, aber im Bereich Tierkosmetik und Tierästhetik ist sie die Expertin.
Zum offenen Schlagabtausch führt hingegen erst die Pergola-Debatte, das Kernstück dieser mitreißenden Episode. Diese "Laube [...] aus Pfeilern od. Säulen als Stützen für eine Holzkonstruktion, an der sich Pflanzen [empor]ranken" (Duden's "Das große Fremdwörterbuch") soll der gute Michael nämlich mehrmals (!) lackieren, was ihn so gar nicht freut. Er sinnt auf Vergeltung und wittert einen moralischen Sieg in der Zurechtweisung, dass es sich nicht um eine Pergola im eigentlichen Sinn handeln kann, da die Dachkonstruktion zum Schutz des Autos dient. Diese sei dann ein "Carboard" und eben keine Pergola. Sonja widerspricht heftig. Also nützt Michael seinen nächsten Besuch in Linz und kauft in der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz das oben bereits zitierte Fremdwörterbuch. Wie ein kleines Kind freut sich da der Michael, als Alex himself ihm die Definition auch gleich noch im Geschäft vorliest. Kaum kann er es erwarten, den zwei blöden Weibern im ungliebten Haus den dicken Wälzer unter die Nase zu halten. Sonja und Margarete zeigen sich aber unbeeindruckt. Michael ist und bleibt ein alter Besserwisser. Nach längerem Hickhack eskaliert der Konflikt. Michael, dem die ganze Sache schön langsam "am Arsch vorbei" geht, verschafft sich schließlich Luft: "I scheiß auf die Pergola."
In der gemeinsamen Schlussrunde an einem Tisch gehen nochmals die Wogen hoch. Margarete stellt mit voller Überzeugung fest: "I mecht mit'n Michael kan Kontakt nimma hom." Das liegt hauptsächlich daran, dass er die Sonja "bled herg'stöt" hod. Der Michael weiß sich aber zu helfen: "Du host a Glick, weußt a Frau bist. Waunst a Mau wast hed i di umg'hockt." Da fällt es Sonja wie Schuppen aus den Haaren. Sie erkennt plötzlich die Gemeingefährlichkeit dieses Mannes und diagnostiziert: "Der Michael is nimma zu retten. Der g'hert in an Nervenaunstoit."

Am Sonntag, dem 26. Juni, läuft um 16.50 Uhr die Wiederholung und ich werde wieder mit dabei sein.

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Dienstag, 31. Mai 2005

CSI Miami

Liebe Krimifans!

Gestern sah ich mich aus reiner Höflichkeit gezwungen, die Folge "Würgemale" der Erfolgsserie CSI Miami auf ORF 1 mitzuverfolgen. Ich könnte jetzt völlig undifferenziert behaupten, dass es sich bei dieser Produktion um reinen Müll handelt und jeder überzeugte Fan sofort in die Geschlossene gehört, aber das würde dem Primat der Fairness widersprechen. Also präsentiere ich hier Argumente, zu denen man dann konkret Stellung nehmen kann. Des weiteren möchte ich ergründen, warum sich gerade weibliche ZuseherInnen und Zuseheressen so dafür begeistern können.

Wenn man Frauen nach einer Definition von Realismus fragen würde, käme unterm Strich raus: Wenn's in der Zeitung steht, ist es auch realistisch. Wahr ist, was real ist. CSI Miami ist deshalb besonders nah am Leben dran: Drogen, Prostitution, Mord, Erpressung, Perversion - kurz gesagt alles, womit sich die Frau von heute so rumschlagen muss (siehe Desperate Housewives). Tatsache ist, dass es keine andere Serie gibt, die in Bezug auf Handlung und Inszenierung konstruierter, steriler, und artifizieller wirkt als CSI Miami. So wie Bruckheimer seine Hollywood Blockbuster inszeniert, wird auch hier am Reißbrett mit Schablonen gearbeitet: Es ist völlig egal, ob jemand eine Hauptrolle oder eine Leiche spielt: alle wirken sie gleichermaßen unterkühlt, erkaltet, oder - im konkreten Fall - eingefroren, denn nur so wird man der raschen Zersetzung Herr. Genau genommen ist die Serie ja eine Diaschau, die von irrwitzigen Actionszenen unterbrochen wird, um dem leblosen Spiel den Anschein von Animation zu geben. Nach der spastisch inszenierten Ankunft eines Täters - der Ruckelstil scheint ein Markenzeichen der Serie zu sein-, verfolgt die Kamera die aus der ausgeschütteten Flüssigkeit aufsteigenden (und eigentlich unsichtbaren) Giftdämpfe in das Gehäuse eines Rekorders, in dem sich eine Kassette befindet, deren Tonband durch diese in Windeseile aufgelöst wird. Eine ännlich aufregende Kamerafahrt gibt es auch noch über das Gebiss des Opfers hinweg, wo dann der noch nicht durchgebrochene Weisheitszahn am Ende des Zahnbogens innerhalb des Zahnfleischs plötzlich sichtbar gemacht wird. Dies illustriert die soeben gemachte Feststellung, dass die junge Frau noch keine 18 ist, da ihre Weisheitszähne noch nicht durchgebrochen sind. Für das (amerikanische) Publikum geht man eben auf Nummer sicher. Im Prinzip ist CSI Miami nichts weiter als eine aufgepeppte Version von Derrick.
Krimis präsentieren die perfidesten Fantasiewelten überhaupt, denn sie gaukeln ständig Logik und Realismus vor. Die vom Zuschauer schlüssig nachvollziehbare Scheinkomplexität der Tataufklärung täuscht über die Tatsache hinweg, dass die Charaktere eindimensional sind (der böse Pornoproduzent, der üble Nachtclubbesitzer, die rachsüchtige betrogene Ehefrau, der perverse Einzelgänger etc.), die Zufälle fürchterlich konstruiert wirken (den Mitschnitt eines Gesprächs nicht gelöscht, DNA-Spuren am Tatort hinterlassen, viel Geld auf ein Konto überwiesen etc.) und die pünktliche Lösung aller Fälle nach exakt 40 Minuten mit Realismus rein gar nichts zu tun hat. Am Schluss schaltet man mit der Gewissheit ab, dass die Welt doch in Ordnung ist und die christlichen Werte der braven Mittelschicht immer Bestand haben.
Die Verbrechen und die zahllosen finsteren Gestalten aus der Unterwelt täuschen eben über die Tatsache hinweg, dass Krimis eigentlich furchtbar bieder sind. Wenn am Schluss das Pornostarlet den wackeren Polizisten schüchtern zum Date bittet, weil dieser - selbstlos wie er ist - das arme Mädel vor ein paar aufdringlichen Fans im Park geschützt hatte, möchte man vor Rührung fast auf die Bildröhre kotzen. Horatio, der Star der Truppe und Rivale seines unmittelbar Vorgesetzten, rät diesem, der noch dazu das Herz seiner angebeteten Kollegin für sich gewonnen hat, ihr keinen Champagner zu kredenzen, weil sie den eigentlich hasst und nur aus Höflichkeit trinken würde. Zu Recht fragt da der Boss: "Warum hast du mir das jetzt gesagt?" Da antwortet der selbstlose Held: "Weil ich will, dass sie glücklich ist." Dann geht er in den Leichenkühlraum, stützt den schweren Kopf auf die Hände und erträgt tapfer den Weltschmerz, während der Faserschmeichlersoundtrack auch noch dem letzten Idioten klar macht, dass das jetzt eine emotionale Szene ist, die jedem fühlenden Menschen die Gänsehaut über den ganzen Körper jagen müsste. Kotz, die zweite.
Baywatch und Charmed sind auch fürchterliche Serien, aber sie nehmen sich wenigstens selber nicht ernst. CSI Miami trieft hingegen vor Pathos. Am Schluss also meine Frage: Was macht den Reiz dieser Serie aus?

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Donnerstag, 12. Mai 2005

Carnivàle - ein Nachruf

Liebe Varietékünstler!

Der Zirkus hat geschlossen! Die Zelte werden abgebrochen! Nach nur zwei Staffeln hat sich HBO dazu entschlossen, eine der interessantesten Serien der letzten Jahre nicht mehr zu erneuern.
Die technische Brillanz der Produktion steht ohnehin außer Frage: Carnivàle erhielt bei den letzten Emmy Awards im September 2004 5 Trophäen im Bereich Creative Arts, unter anderem für Cinematography. Seit es High Definition und Widescreen nun auch für Serien gibt, sehen viele Produktionen hervorragend aus, aber Carnivàle ist die Krönung. Alleine die Konsistenz in der stark reduzierten Farbpalette ist eine Meisterleistung. Viele Einstellungen könnte man ohne Bedenken rahmen und an die Wand hängen.
Nachdem ich mittlerweile süchtig nach Jeff Beals Soundtrack bin, bleibt mir sowieso nichts anderes übrig, als diesen besonders hervorzuheben. Schon in der Pilotfolge fiel mir auf, dass die Musik perfekt zur Serie passt. Den wirklichen Ausschlag gab aber der Schluss der siebten Folge: "The River". Brother Justin muss darin akzeptieren lernen, dass er schon als Kind diabolische Fähigkeiten hatte und seine Schwester davon wusste. Am Ende ruft er Iris an und konfrontiert sie mit dieser Tatsache. "Justin Calls Iris" klingt auf dem Soundtrack schon ziemlich schaurig-schön, aber in Kombination mit dem Film, wenn man eine Stunde lang seine Tortur miterlebt hat, ist es einfach eine Wucht.
"The River" ist für mich sowieso der Wendepunkt der Serie. Davor versuchen die beiden Gegenspieler verzweifelt ihrer Vorherbestimmung zu entrinnen. Der Zuseher wird mit äußerst schrägen Charakteren und unverständlichen, ominösen Begebenheiten und Visionen konfrontiert, die auf die Vergangenheit, aber auch auf kommende Ereignisse verweisen. Kennt man alle Folgen, versteht man auch, warum dieser Anfang gewählt wurde. Hier liegt aber vielleicht auch das große Problem der Serie: Beim ersten Ansehen ist man fast überfordert und muss sich durch die ersten Folgen hindurchkämpfen. Ben und Justin sind nicht gerade Identifikationsfiguren und die Zeichen und Wunder verwirren einen in dem Maße, wie sie einen anziehen. Bleibt man aber dran, wird man langfristig mehr als belohnt.
Carnivàle ist eine komplexe Geschichte, die wie keine andere den Zuseher herausfordert. Während Revelations, das wegen inhaltlicher Parallelen noch am ehesten als Vergleichsmaßstab dient, auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung setzt und mit plakativen "revelations" punktet, ist Carnivàle viel subtiler. Die langsame Entwicklung der Charaktere zu beobachten ist definitiv anstrengender als ein Feuerwerk von Wundern präsentiert zu bekommen.
Ich werde Carnivàle auf jeden Fall vermissen. Vielleicht geschieht ja noch ein echtes Wunder und HBO ändert seine Meinung. Wäre nicht die erste Serie, die von den Toten wieder aufersteht.

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